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Hamburgische Staatsoper – Maria Stuarda: Stimmgenuss in theatralischer Inszenierung

Titelbild: Long Long, Gezim Myshketa, Barno Ismatullaeva, Alexander Roslavets, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Komparserie. //PhotoCredits: https://www.rbbm.photos/

Am 16.3. hatte Gaetano Donizettis Oper Maria Stuarda anlässlich der diesjährigen Italienischen Opernwochen Premiere an der Hamburgischen Staatsoper. Ermonela Jaho in der Titelrolle und Barno Ismatullaeva als Elisabetta, charakterisierten die rivalisierenden Königinnen mit mitreißend-überzeugender Vitalität und noch größerer stimmlicher Virtuosität. Sie bewiesen dem begeistert jubelnden Publikum, unterstützt von Long Long (Roberto), Alexander Roslavets (Talbot), Gezim Myshketa (Cecil) und Aebh Kelly (Anna) ohne Zweifel: Belcanto vive! Viva Belcanto!

Es ist die Inszenierung von Theaterregisseurin Karin Beier, auf die sich der Ausdruck „theatralisch“ im Titel bezieht. Nicht weil diese etwa übertrieben oder gar melodramatisch wirkt, sondern weil Beier und ihr Team im Gegenteil ein vielschichtiges Theaterstück gelang, das dennoch Donizettis komplexe Melodien in keiner Weise „erschlägt“ oder die Musik in den Hintergrund drängt. Nachdem mit Friedrich Schiller, auf dessen gleichnamigen Bühnenstück Giuseppe Bardaris Libretto beruht, und dem Komponisten selbst, drei Männer sich den Schicksalen der beiden berühmtesten, rivalisierenden Schwestern/Königinnen der Weltgeschichte beschäftigten, macht Beier deutlich, dass ihr viel an dem Verständnis für zwei Frauen liegt, die zu einer Zeit herrschten, zu der Emanzipation unbekannt war und mächtige Frauen eine, die Männerwelt „störende“ Seltenheit.

Ermonela Jaho, Barno Ismatullaeva, Alexander Roslavets, Katja Danowski (hinten)
PhotoCredits: Binkhoff/Mögenburg

Die Schauspielerinnen Sandra Gerling (Double Maria) und Katja Danowski (Double Elisabetta), sprechen jeweils zu Beginn des ersten bzw. zweiten Aktes einen Dialog aus Schillers Drama, was den Figuren eine noch intensivere Bedeutung gibt. Mithilfe mehrerer stummer Doubles der beiden Protagonistinnen werden auf beeindruckende Art deren innere Kämpfe und Zerrissenheit deutlich gemacht. Auch die Bühnenbilder von Amber Vandenhoeck, die Kostüme von Eva Dessecker wie auch Annette ter Meulens Lichtregie und vor allem die Hintergrundvideos von Severin Renke machen, neben Beiers Personenführung, die faszinierende Wirkung dieser Produktion. Kostüme die zeitlos wirken aber auch, besonders in Haarschmuck und Make-up, viel Ähnlichkeit zu den bekannten Portraits Elisabettas und Marias aufweisen, düstere Mauern und eiserne Treppen, ein Springbrunnen um das Blut von den Händen zu waschen, ein Hirschkadaver aus dem sich Elisabetta(s Double) nährt und immer wieder übergroße Video-Portraits der beiden Damen, meist Blut beschmiert, all das sind nur wenige Beispiele für das, was Beier und Team uns anbieten, um es zu entdecken und erfahren, zu interpretieren und bedenken oder einfach um es so vorbehaltlos wie möglich auf sich wirken zu lassen. Oder es wird der Eine oder die Andere nicht nur durch die hervorragenden Leistungen der Sänger*innen inspiriert, diese Oper noch ein mal zu sehen, um sich, wie in meinem Fall, in einem Bericht ausführlich(st) und ausschließlich der Produktion zu widmen.

Katja Danowski, Aebh Kelly, Ermonela Jaho, Sandra Gerling, Komparserie
PhotoCredits: Binkhoff/Mögenburg

Musikalisch bietet uns Gaetano Donizetti, anders als zum Beispiel in Lucia di Lammermoor oder zum Beispiel Lucrecia Borgia, Duette, die eher Dialoge sind, so gut wie keine gemeinsamen Sequenzen haben und doch ein untrennbares Ganzes bilden. Doch er verwöhnt uns wie gewohnt mit komplizierten, unter die Haut gehenden Koloraturen und überhaupt Melodien voller Schönheit und raffinierten musikalischen Kniffen in Rhythmus, Tonfolge und Tempi. Der Schöpfer unzähliger Werke, gehört zu jenen Komponisten, die einen hohen Wiedererkennungswert auch für nicht allzu geübte Ohren haben, ohne sich ständig selbst zu zitieren, doch einfach aufgrund seines besonderen Stils. Er lässt uns hier in Robertos Liebe zu Maria und in den so unterschiedlich leidenschaftlichen Gefühlen der beiden Königinnen schwelgen durch seine Kunst, die Klangschönheit und Emotionen auf unvergleichliche Art verbindet. Antonino Fogliani leitete die Protagonist*innen, den Chor der Hamburgischen Staatsoper und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg gefühlvoll, gekonnt und dynamisch durch das Stück. Wie gerne würde ich einmal mehr als nur einen oder zwei Sätze über jene zu schreiben, die ja – sieht man von den Sänger*innen ab- das Stück tragen und dabei mehr noch als die Darsteller*innen auf der Bühne von Dirigent und Kolleg*innen abhängig sind. Doch so sehr wie ich mir zutraue, Inszenierungen, auch jene, die mir vielleicht nicht 100%ig gefallen, nicht selten ausführlich(st) zu kommentieren, so wenig fühle ich mich in der Position -oder nein- so sehr fehlt mir leider die fachliche Kompetenz, näher und vielleicht besser auszuführen, was ich warum mangelhaft oder in diesem Fall für gelungen halte.

Alexander Roslavets, Long Long, Gezim Myshketa, Ermonela Jaho
PhotoCredits: Binkhoff/Mögenburg

Besondere Hochachtung verdient dieses Mal die Energie, Kraft und ich denke auch das Vertrauen in die Regisseurin, das alle Sänger*innen auszeichnete: Augenscheinlich ließen sich alle auf alles ein, was zu einem authentisch, dynamischen Ergebnis führte. Nicht nur Sandra Gerling und Katja Danowski, die beiden Schauspielerinnen oder die Damen der Komparserie wirkten als läge Schauspielerei ihnen von jeher im Blut. Nein, wirklich alle ziehen nicht nur stimmlich in den Bann.

So ist die junge Irin Aebh Kelly Mitglied des nicht nur von mir sehr geschätzten Internationalen Opernstudios Hamburg, spielt mit viel Empathie Anna, hier aufgrund ihrer quirligen Jugendlichkeit, wohl Marias ihr ergebene Zofe und Vertraute, nicht ihre Amme und verzaubert mit ihrem, klaren gut geführten Mezzosopran.

Der in Albanien geborene Bariton Gezim Myshketa, verleiht Elisabettas Schatzmeister Cecil etwas sehr entschlossenes, fast korruptes . Er weiß Elisabetta unter Druck zu setzen, um sie zu Entscheidungen in seinem Sinne, sprich dazu endlich Marias Todesurteil zu unterschreiben. Auch wenn es heißt, der Bariton sei Donizettis bevorzugte Stimmlage gewesen, hätte ich mir hier mehr schöne Melodien, Töne gewünscht, die Myshketas Stimme und Fähigkeiten noch mehr zur Geltung bringen würden.

Alexander Roslavet hingegen darf sich in der Rolle des Wächters von Maria Lord Talbot stimmlich mehr entfalten und seinen warmen Bass zum Klingen bringen. Wie stets, glaubt man ihm jede Geste, jeden Blick, spürt seine Sorge um Maria ebenso wie die unerschütterliche Treue zu Elisabetta und England.

Roberto (Graf Leicester) ist in Maria Stuarda, sicher die Figur, die der historischen am wenigsten entspricht. Selbst an ihm interessiert, wollte die historische Elisabeth ihn aus strategischen Gründen mit Maria verheiraten, was er verweigerte, da er nicht nach Schottland wollte. In der Oper ist Roberto der romantische, unglücklich liebende Held, der zwischen zwei Frauen steht. Hier scheint Elisabetta ihn nicht wirklich zu lieben, er ist ihre Marionette, die sich von ihr mehr oder weniger freiwillig bildlich am Gängelband und wahrhaftig am Kinn herumführt. Dem chinesische Tenor Long Lon, fehlt darum Regie bedingt (!!) im Ausdruck teilweise das Verführerische, aber nie mangelt es ihm an Leidenschaft in der Stimme samt verführerischem Schmelz und tenoraler Strahlkraft.

Barno Ismatullaeva, Ermonela Jaho
PhotoCredits: Binkhoff/Mögenburg

Barno Ismatullaeva und Ermonela Jaho gelingt es, die beiden großen Herrscherinnen der Weltgeschichte, in ihrer Belcanto-Version zum Leben zu erwecken und helfen so, ganz subtil durch Beiers Interpretation, die beiden wahren Königinnen und die damalige Situation (noch) besser zu verstehen.

Ismatullaeva ist vom Scheitel bis zur Sohle, die jungfräuliche Königin, die jede Minute mit den gegensätzlichen Ansprüchen, die das Land und die Männer an sie stellen, ihrem Pflichtgefühl und ihren eigenen Emotionen und Bedürfnissen, die hintan zustehen haben. Sie ist die Frau der großen Gesten, der königlichen Empörung und Machtdemonstration und der kleinen, die Gewissensbisse und (weibliche) Verletzbarkeit zeigen. Sie wirbelt mit der gleichen Überzeugungskraft über die Bühne und auf Tisch, wie sie gleich einer Tänzerin in einer Szene spielerisch ihre Worte unterstützend, ihre Finger bewegt. Schon im Herbst 2023, bei der Präsentation von Leon Gurviitchs Liederzyklus Träumereien faszinierte mich die Leichtigkeit, mit der es ihr damals gelang, den Charakteren, von denen die Lieder handeln, allein durch ihren wunderbar klaren Sopran Konturen zu verleihen. Als Elisabetta nun scheint sie völlig in ihrem Element: So mühelos, wie sie Elisabetta charakterisiert, so mühelos und ausdrucksstark moduliert sie ihre Stimme, fließen in allen Tonlagen die Töne, sprudeln die Koloraturen. Bravissima!

Gezim Myshketa, Barno Ismatullaeva, Katja Danowski
PhotoCredits: Binkhoff/Mögenburg

Bravissima! Gilt mit einem klitzekleinen Hauch mehr Begeisterung auch für Ermonela Jaho, weil sie ihre Töne aus das Singen nicht gerade erleichternden Körperhaltungen zum Klingen bringen muss: liegenden, halb liegend rückwärts robbend oder eben kopfüber in den Armen mehrerer Männer hängend. Eine Leistung, die auch Hochachtung verdiente, würde Yaho sich kleine Schwächen erlauben. Was sie nicht tut. Ihre Koloraturen perlen federleicht. Auch sie birst von der ersten bis zur letzten Minute darstellerisch, wie auch stimmlich vor Leidenschaft in all ihren Facetten. Die Konfrontation der beiden Frauen, die allein schon durch Haltungen und stimmliches Können königlich wirken, gleicht einem Krimi, der auf allen Ebenen in den Bann zieht. Dies liegt zweifelsfrei an der Brillanz der beiden Künstlerinnen, aber, da bin ich überzeugt, auch daran, dass hier zwei Stimmen besonders gut harmonieren! Also abschließend ein bewunderndes: Bravissime!

Aebh Kelly, Ermonela Jaho, Chor der Hamburgischen Staatsoper
PhotoCredits: Binkhoff/Mögenburg

Fazit: Eine wunderbare Oper in einer Inszenierung, die weder romantisiert noch auf Krampf auf heutige Widrigkeiten aufmerksam machen will und der es dennoch gelingt, die Portraits zweier starker-eigentlich zeitloser- Frauen zu zeichnen. Aber der Hauptjubel, das größte Lob gebührt den Darstellerinnen dieser beiden Königinnen: Barno Ismatullaeva, die in einem Jahr als Madama Butterfly an die Hamburgische Staatsoper zurückkehren wird und Ermonela Jaho, deren Rückkehr in das Haus an der Dammtorstraße hoffentlich nur bis 2026/27 auf sich warten lassen wird.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 16.3.2025

Links

https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/stueck.php?AuffNr=221614
https://www.antoninofogliani.com/
https://www.aimartists.eu/artists/barno-ismatullaeva/
https://www.ermonelajaho.com/
https://tact4art.com/profile/long-long
https://www.inartmanagement.com/en/artisti-en/roslavets
https://www.gezimmyshketa.net/
https://www.aebhkelly.com/

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