Opern- und Leben(s)gestalten

Es gibt so vieles, neben Oper, mit dem es sich lohnt das Leben zu gestalten! Drum füllen sich nach und nach die Menü- & Unterpunkte! Viel Spaß!

opera stabile – Silvesternacht: Wirre Träume eines Enthusiasten

Titelbild: Nicholas Mogg, Florian Panzieri, Photo Credits: Niklas Marc Heinecke

„Der reisende Enthusiast trennt offenbar sein inneres Leben so wenig vom äußeren, dass man beider Grenzen kaum zu unterscheiden mag.“ Dieses Zitat von E.T.A. Hoffmann trifft den Eindruck, den die Oper „Silvesternacht“ von Johannes Harneit macht, ganz genau. Am 5.1.2023 hatte dieses Werk an der opera stabile der Staatsoper Hamburg Uraufführung und entführte das Publikum in die phantastische (Traum)Welt von Enthus, eben jenes „reisenden Enthusiasten“, der seinen Ursprung in Hoffmanns Erzählung „Die Abenteuer einer Silvesternacht“ hat, eigentlich Erasmus heißt und in der Oper eine Rolle ist, die sich Bariton Nicholas Mogg (Enthus) und Tenor Florian Panzieri (Erasmus/ der Kleine) auf beeindruckende Weise teilen.

Lin Chen, Martin Muth, Gabriele Rossmanith, Florian Panzieri, Peter, Gaillard, Ida Aldrian
am Piano:: Robert Jacob
Photo Credits: Niklas Marc Heinecke

Von Sehnsucht geführt, vom Teufel verführt

Auch wer zwar die Novelle „Die Abenteuer einer Silvesternacht“ nicht kennt aber Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen, erkennt ziemlich schnell die Parallelen: Ein allgegenwärtiger, geheimnisvoller Gönner (Anywhere), in dem wir sofort den Teufel vermuten, eine verführerische Frau, und ein verträumter junger Mann (Enthus), der dieser Frau immer wieder erliegt, egal welchen Namen sie gerade trägt (Angelina, Angie). Für ihre Gunst gab so mancher etwas hin: den eigenen Schatten oder das eigene Spiegelbild, für sie mordet er sogar,

Zu Beginn der Oper ist Enthus bereits am Ende, er legt einen alten Anorak ab als er die Silvesterfeier des Innenministers besucht. Nun gleicht seine Erscheinung in Frisur und Kleidung jenen Portraits, die man von E.T. A. Hoffmann kennt. Doch ist seine Kleidung verwahrlost, nach einer neuerlichen Begegnung mit Angelina/Angie flieht er kopflos und findet sich bald in einem Herbergszimmer seinem jüngeren Ich/(Erasmus) – gegenüber. In wilden, wirren Träumen erlebt er alles erneut, die Reise in die neue Welt, Kind und Ehegattin in der Heimat lassend, den Rausch der Begierde, den faustischen Pakt, die Furcht und Abneigung der Familie, da er ohne Spiegelbild zurückkehrt. Und dann schließlich erwacht er. Zum Ende beweist sich die Wahrheit des Spruches über Grenzen. Denn der Zimmerkellner überreicht ihm einen Brief des Herrn mit dem er das Zimmer teilte und der bereits abreiste. Leider öffnet Enthus den Brief, während er schon die Bühne verlässt und lässt so das Publikum buchstäblich im Dunkeln sitzen.

Ida Aldrian, Nicholas Mogg
Photo Credits: Niklas Marc Heinecke

Fantasie auf kleinem Raum in Optik, Klang und Spiel

Mart Van Berckel (Regie), Vera Selhorst (Bühnenbild und Licht), und den Kostümbildern von MAISON the FAUX ist in Zusammenarbeit mit Dramaturgin Janina Zell gelungen, eine mehrschichtig phantasievolle Geschichte auf kleinem Raum in Szene zu setzen und zu erzählen. Die Kostüme entsprechen teilweise dem Biedermeier, mit eng anliegenden Hosen und (Alltags)Frack für die Herren, weite Reifröcke mit Rüschen und übertrieben großem Schutenhut für die Damen, elegante Jacken- und Kniehosenkombinationen für den Bösewicht. In der neuen Welt erinnern in einer Szene seine Kostüme, wie auch das von Angie, an die 1920er Damenmode. Die verschiedenen Orte werden durch zu den Szenen passende Möbelstücke angedeutet. Besonders angetan haben es mir der am Boden stehende, in einer halben Kiste verpackte Kronleuchter, der eine unfertige, ja unwirkliche Atmosphäre verbreitet und das Karussellpferd auf dem Erasmus durch die Welt reisen will.

Komponist Johannes Harneit leitet das kleine Orchester: Pjotr Pujanek (1.Violine), Bettina Rühl (Bratsche), Friedrich Peschker (Kontrabass) und spielt die Celesta mit viel Freude am eigenen Werk. Es scheint, dass er jeden seiner zum Leben erweckten Töne genießt, lebt und im Geiste mitspielt. Ein neues Werk auf diese liebevolle Weise präsentiert zu bekommen hat etwas sehr Erfrischendes. Die Melodien sind das. was sie dem Namen nach sein sollen: melodisch, angenehm zu hören aber gleichzeitig auch geheimnisvoll und sphärisch. Eine Stelle verlangt von Tenor Panzieri, wie auch von Bariton Mogg, in einem Quartett im Falsett zu singen, was einen wirklich „schrägen“, im Sinne von geisterhaft ungewöhnlichen, Eindruck hinterlässt. Dann das Einbauen der berühmten Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen: erst Noten- und Taktweise dann überdeutlich, einfach zum Schmunzeln schön.

Ida Aldrian, Florian Panzieri, Nicholas Mogg
Photo Credits: Niklas Marc Heinecke

Schön auch die Idee der Regie, die junge Schlagwerkerin Lin Chen neben dem vielseitigen Martin Muth als Assistent*in der Servicechefin (Gabriele Rossmanith) einzusetzen und einen Gong, Gläser und Flaschen in einem gläsernen Getränkeschrank zum Schlagwerk zu machen. Oder in der ersten Szene der Auftritt des Komponisten Ludwig (Luigi) Berger wunderbar spleenig gespielt von Robert Jacob, der auch in seiner Eigenschaft als Pianist völlig überzeugte. Diese Szene, wenn sich die Partygäste um eine Berühmtheit scharren und ihn anhimmeln, Halbwissen vorgebend, ist herrlich humorvoll und subtil bissig. Humorvoll, kauzig und dennoch auch immer wieder stimmschön gibt sich Gabriele Rossmanith, deren Rolle ich oben als Servicechefin bezeichnete, die sich aber eigentlich in Kellner, Wirt, Nachtpförtner und Zimmerkellner gliedert. Schön, diese vielseitige Künstlerin momentan auf der großen Bühne als Ida in Johann Strauß‘ Die Fledermaus, aber auch immer wieder in Produktionen der opera stabile erleben zu dürfen. Ähnliches gilt auch für Peter Gaillard (der Große), der einmal mehr seine humorvoll-schräge Seite zeigen durfte, und Tigran Martirossian (Anywhere). Vor fast exakt zwölf Jahren begeisterte er mich als Mephistopheles in Charles Gounods Faust, in letzter Zeit vermisste ich seine früheren stimmlichen Qualitäten, doch hier zeigte er, dass er seinen dämonischen Charme, sein herrlich widerliches Lachen und die Freude am Spiel ganz und gar nicht verloren hat.

Gabriele Rossmanith
Photo Credits: Niklas Marc Heinecke

Schön war es auch, die junge Sopranistin Marie-Dominique Ryckmanns als Erasmus‘ Gattin Sophia und Mutter der musikalischen Rasmus (Ida Punjanek) zu erleben. Schon in ihrer Zeit als Absolventin des Internationalen Opernstudios Hamburg (IOSHH) überzeugte sie mit ihrer klaren Stimme, deren Höhen in kleinen wie in großen Räumen Kraft und Anmut ausstrahlen. Ihre rollenbedingte Altbackenheit und kostümbedingte Blässe lassen Angelina, wie es sein soll, umso mehr strahlen.
Auch Ida Aldrian gehört zu den Absolventen des IOSHH und fasziniert, egal ob mit Liedrepertoire oder in Mezzopartien, mit ihrem Mezzo mit hohem Wiedererkennungswert. Als Angelina/Angie sprüht sie vor Charme und Anmut gemixt mit einem Schuss Gehässigkeit und Selbstironie.

Diesen beiden Herren jedoch gehörte zu Recht der Löwenanteil des Applauses: Nicholas Mogg und Florian Panzieri. Ersterer, der dritte im Bunde der IOSHH-Absolventen, letzterer in seinem ersten Jahr dort. Mogg gestaltet Enthus mit genau dem richtigen Maß an Verwirrtheit, Verzweiflung und Melancholie. Mit seinem schönen Barton, mit dem er auf der Großen Bühne erst vor kurzem als Mandarin in Turandot überzeugte, nimmt er das Publikum zusammen mit seinem Spiel für sich und die Partie ein. Die Szenen mit Erasmus, die voller Zweifel, innerem Widerstand und zahlreichen anderen Emotionen in Klang, Wort und Gestik sind, gelingen ihm wie auch Florian Panzieri vortrefflich. Panzieris Tenor macht ebenfalls neugierig auf noch viel mehr. Sein Erasmus lässt erahnen, wie Enthus einmal war, er hält ihm, dem Spiegelbildlosen, im übertragenen Sinne den Spiegel der Reue und Verzweiflung vor. Zeigt ihm aber auch in den Traumsequenzen, wie unbeschwert er einst war, erinnert ihn an die wahren Werte, an das, was er verlor. Kurz: die Energie der beiden jungen Darsteller ergänzte sich und besonders diese Beiden haben ein nicht hochnäsig gemeintes „Nur weiter so!“ mehr als verdient, denn besonders der junge Panzieri zieht völlig in seinen Bann.

Florian Panzieri/Ida Aldrian, Nicholas Mogg/Marie-Dominique Ryckmanns
Photo Credits: Niklas Marc Heinecke

Fazit: Es war faszinierend und schön, aber auch verwirrend, zumindest auf den ersten Blick. Doch es hallt nach, das Stück, setzt sich fest im Innern und plötzlich, so kann ich es mir auch für andere vorstellen, denkt man: „Na klar!“ oder gar „Wow!“.
Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 5.1.2023

Links:
https://www.staatsoper-hamburg.de/
https://martvanberckel.nl/en/biography/
https://www.maisonthefaux.com/Website
https://www.marie-dominique-ryckmanns.com/
https://www.idaaldrian.at/
https://www.florianpanzieri.co.uk/
https://www.gabrielerossmanith.de/index.html
https://www.martinmuth.com/






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