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47. Hamburger Balletttage- Nijinsky-Gala: So lang wie schön. So lang? Wie schön!

Zum letzten Mal besuchte ich eine Nijinsky-Gala des Hamburg Ballett 1984.  Viel Wasser lief inzwischen Elbe wie Alster hinunter, viele bewundernswerte Tänzer bereicherten Gala wie Ensemble und verließen es wieder. Einiges jedoch ist geblieben:  Die Saison – Abschlussvorstellung  endet immer noch später als im  Programmheft angegeben. Sie wird noch genauso bejubelt wie damals.
Und sie ist ebenso abwechslungsreich wie unterhaltsam
.

Gopak
Abschlussklasse(n) der Ballettschule des Hamburg Balletts
Alle Fotos: Kiran West

Jugend weckt Hoffnungen

Jubiläen/Anniversaries lautete das diesjährige Motto und Jubiläen gab es viele, runde wie einfach vieljährige, private wie berufliche. So verließ John Neumeier laut eigener Aussage  sein Heimatland USA vor beinahe 60 Jahren um für ein Jahr  in London zu studieren. Was wirklich geschah ist bekannt, nach Zwischenstationen wie Frankfurt und Stuttgart wurde das Hamburg Ballett an der Staatsoper Hamburg zu seinem Heimathafen, den er vor circa 44 Jahren erst um die Ballettschule, die  vor 33 Jahren dann zum Ballettzentrum wurde, und vor zehn Jahren dann um das Bundesjugendballett erweiterte.

op.67
Bundesjugendballett
Alle Fotos: Kiran West

Die Absolventen der Abschlussklasse(n) 2022 und ebenjenes Bundesjugendballetts, dessen Erfolg Neumeiers Erwartungen noch übertraf, eröffneten den Abend. Die einen mit einem von Sprüngen dominierten Gopak, die anderen, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer eigentlichen Vorstellung, dem Ballett Die Unsichtbaren im Ernst Deutsch Theater, machten, mit einem nachdenklich machenden ernsten Stück. Zur Musik von Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio Op. 67 erdachte Raymond Hilbert eine Choreografie, die augenscheinlich von Zwischenmenschlichkeit, Gemeinschaft und Einsamkeit, ohne allein zu sein, erzählt.

A Cinderella Story
M. Sugai, A. Frola
Alle Fotos: Kiran West

Das Gute liegt so nah

Weiter ging es mit einem märchenhaft  von Madoka Sugai  und Alessandro Frola  getanzten Pas de deux  der  Ballszene aus Neumeiers Ballett  A Cinderella Story zu Prokofjews Musik  und zwei Ausschnitte aus Neumeiers  unter die Haut gehende Biografie Vaslav Nijinskys.
In Jeux, zu der Musik des 3. Satzes von Schostakowitschs Sonate für Viola und Klavier op. 147  brillierten Aleix Martinez als Nijinsky, Ivan Urban als Diaghilev, Atte Kilpinen als Leonide Massine,  die beiden wandelbaren, aber stets  auch  fast ätherisch elegant  wirkenden Tänzerinnen Silvia Azzoni (Tamara Karsavina) und Patricia Friza (Bronislava Nijinskaja) in eher melancholisch statt spielerisch leicht wirkenden Szenen.

Jeux
A. Martinez, I. Urban
Alle Fotos: Kiran West

Spielerisch, und dabei sinnlich erotisch, bot sich in anderer Besetzung Scheherazade zu Rimskij-Korsakows zweiten Auszug aus dem Ballett dar. Ida Praetorius  gab  sich als Romola erotischen Träumen von ihrem Mann Vaslav in seiner bekanntesten Rolle, dem Faun, hin, während Vaslav immer introvertiert wirkt, die gewünschte Rolle nicht wirklich erfüllen kann. Praetorius versprüht einen Wunsch nach Sinnlichkeit, der umso intensiver wirkt, weil sie auch Natürlichkeit ausstrahlt und weniger die Skrupellosigkeit einer Femme fatale. Marc Jubete hingegen ist mit jeder Faser die ideale Verkörperung von Romals erotischen Begierden. Alexandre Riabko zeigt in der Rolle des introvertierten Vaslav, dass er mit wunderbar weichen, fließenden Bewegungen und wenigen doch intensiven Gesten mühelos in die von ihm getanzte Rolle schlüpft. Es wäre  wirklich wünschenswert dass er doch noch einmal die gesamte Partie tanzt.

Auf dem Schiff
I. Praterious, M. Jubete
Alle Fotos: Kiran West

Natürlich geht es auch in John Neumeiers Version von Debussys L’après-midi d’un Faun um sinnliche Begierden und Träume. In der angedeuteten Atmosphäre einer antiken Stätte wird ein träumender Mann (Edvin Revazov) von einem dunkelhaarigen Jüngling (David Rodriguez),  der der Abbildung einer antik-griechischen Statue entsprungen scheint, mit süßen Trauben geweckt. Es entwickelt sich ein Pas de Trois zusammen mit der ätherischen Anna Laudere. Sie ist hier die perfekte Verkörperung einer unerreichbaren Sehnsuchtsfantasie: wie schwerelos und wieder auch durch ihre wunderbar weichen Arme und Hände begeisternd. Revazov  gibt sich dieser Atmosphäre, eines schwül trägen Nachmittags, den besonders die Musik verspricht, elegant und doch leicht verführbar hin. Rodriguez tanzt mit  der gefährlichen Anmut einer Person, die   ihre Anziehungskraft auf beide Geschlechter entweder als gegeben hinnimmt oder sich ihrer nicht wirklich bewusst ist.

L´Aprés-midi dún faune
A. Laudere, D. Rodriguez
Alle Fotos: Kiran West

In erster Linie klassisch schön war der von Leslie Heylmann und  Mathias Oberlin getanzte Grand Pas de deux aus Der Nussknacker. Hier tanzte Emilie Mazon, als dritte im Bunde  in der Rolle der Marie eine der Variationen und addierte ein wenig kindliche Freude zu „erwachsener“ Eleganz. Alle drei weckten die Vorfreude darauf, dass dieses Stück auch in der nächsten, Neumeiers letzter, Spielzeit auf dem Spielplan steht.  
Neben dem schon erwähnten Pas de deux aus A Cinderella Story, gab es einen weiteren, der in sich eine Geschichte birgt. Neumeiers Don Juan (Musik: Gluck/de Victoria) ist dem Tänzer Rudolf Nurejew gewidmet und dieser Pas de deux wird, ebenfalls von Trusch und Cojacaru, im September auf einer Gala in London zu sehen sein.  

Der Nussknacker
M. Oberlin, L. Heylmann
Alle Fotos: Kiran West

Alexandr Trusch ist ein sehr charmanter Don Juan. Herrlich, wie er sich selbstverliebt immer wieder die Haare aus der Stirn streicht und der sanften Frau in Weiß mit jeder Geste signalisiert: dich krieg ich auch. Und er bekommt sie wirklich, denn sie ist die Todesfee, doch kann nicht anders als zu zögern. Alina Cojacaru, wie immer ganz die Figur die sie verkörpert, lässt keine Zweifel an ihren Gefühlen für Don Juan. Trusch und sie bilden eine tänzerische Einheit, die Zärtlichkeit, Melancholie und Liebe vermittelt. Beide machen  eine fast spürbare Entwicklung durch: Er verliert seine Sicherheit, kann das  nahende Ende nicht verdrängen, sie ihre Aufgabe, ihn ins Totenreich zu führen, nicht länger hinauszögern. Wunderbar berührend und ästhetisch. Halt einfach schön.

Don Juan
A. Cojacaru, A, Trusch
Alle Fotos: Kiran West

Ausschnitte aus Neumeiers „Corona-Ballett“ Ghost Light, der vierte Satz aus Gustav Mahlers 3. Sinfonie, wie der dritte und der vierte Satz aus Beethovens 7. Sinfonie rundeten den langen, doch nie langweiligen Abend ab. 
Dabei gaben Jacopo Bellussi, Karen Azatjan und Xue Lin einen kleinen Ausblick auf die Wiederaufnahme der gesamten  3. Sinfonie am 18.9.22.  47 Jahre ist diese Choreografie alt und sie geht, dank des Einfühlungsvermögens der drei Tänzer, gepaart mit fließend leichten ausdrucksvollen Bewegungen, der Stimme von Mezzosopran Gerhild Romberger zusammen mit Mahlers Klängen, unter die Haut.

Dritte Sinfonie von Gustav Mahler
K. Azatjan (vorne(, J. Belussi, X. Lin
Alle Fotos: Kiran West

Beethovens Sinfonie ist wie gemacht für Tanz, weckt auch bei Laien den Wunsch, sich den  schwungvoll mitreißenden Rhythmen und Klängen hinzugeben, darum war dieses Stück, getanzt vom  ganzen Ensemble, der richtige, aufmunternde  und einfach wunderbare „Rausschmeißer“ und auch  die perfekte Art, um den Sommer, auf die neue Spielzeit wartend, zu beginnen.

Gäste aus der Ferne ergänzen, erfreuen. Begeistern.

Doch natürlich gab es auch Gäste, die nicht nur Choreografien von John Neumeier doch auch von Kenneth MacMillan, Konstantin Tselikov, Hans van Manen und einem, der in Die Unsichtbaren erwähnten, Victor Gsovky.

Den Anfang machten Mayara Magri und Matthew Ball mit dem Traumballett aus dem Musical Carousel, das, wie auch Neumeiers Ballett Liliom, auf dem gleichnamigen Stück von Ferenc Molnár basiert.  In diesem Pas de deux begegnet die  junge Louise Liliom, ihrem verstorbenen Vater. Magri kombinierte mädchenhaften Charme mit der gekonnten Umsetzung von Macmillans Choreografie, Ball bestach besonders, aber längst nicht ausschließlich, mit exzellenter Technik.  Ich denke ihn  Danseur Noble zu nennen, trifft es.

Carousel
M. Magri, M. Ball
Alle Fotos: Kiran West

Auch die Gäste des Het Nationale Balletts, Olga Smirnova und Jakob Feyerlik, entführten uns mit zwei Pas de deux in die Welt des Tanzes, der eher durch sich selbst  und technische Perfektion berührt als durch das Erzeugen menschlicher Emotionen.  Sie faszinierten mit van Manens 3 Gnossiennes zu der Musik von Eric Satie ebenso wie mit Gsovskys Grand Pas Classique aus der musikalischen Feder von Daniel Francois Auber. So erlangte das Hamburger Publikum einen  interessanten und schönen Blick auf Facetten des Balletts, die hier, wo alle Tänzer selbst in sinfonischen Balletten zu einem gewissen Maße Tänzerdarsteller sind, eher selten sind.

Grand Pas de deux Classique
O. Smirnova, M. Ball
Alle Fotos: Kiran West

Die Mitglieder des Balletts am Rhein gestalteten den gesamten zweiten Teil des Abends mit from time to time. Sie überzeugten und zogen mit  einer  typischen Neumeier-Choreografie  in den Bann.  Allen voran der ausdrucksstarke Julius Morel in der Hauptrolle.  Familie, Liebe, Sehnsucht, vor allem aber  jene Art Traurigkeit, die man Melancholie nennt und die als eine Art Antriebskraft der Künstler, nicht nur aus der Romantik, gilt, werden hier thematisiert. Morel wie auch seine Kollegen Simone Messner, Rashaen Arts, Evan L’Hirondelle, Pedro Maricado und Futaba Ishizaki empfahlen sich als Tänzer, die mit ihren Körpern, ihrem Können eine nachdenkliche aber  äußerst leidenschaftliche Geschichte  und viele Emotionen vermitteln.

from time to time
Gäste vom Ballett am Rhein
Alle Fotos: Kiran West

Alles in allem wurden die (von mir) fast 40 Jahre bewahrten Erinnerung an das alljährliche Erlebnis Nijinsky-Gala und die damit verbundenen Erwartungen alles andere als enttäuscht. Auch von hier aus: Danke und Bravo alle, natürlich inklusive aller Musiker im Orchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, am Flügel, dem Cello,  der Violine oder der Viola und last but not least Dirigent Nathan Brock.

Veränderungen stehen an

Die Gala ist auch heute noch nicht nur ein Abend, der die Qualität von Ballettschule, Bundesjugendballett  und Ensemble unter Beweis stellt oder Gäste anderer Compagnien  präsentiert. Es ist auch die Zeit der Abschiede und Veränderungen. So wurde die erste Solistin Leslie Heylmann mit vielen Blumen in einen neuen Lebensabschnitt verabschiedet:  Sie ist nun  ein Teil des Teams, das die Ballettschule  leitet und unterrichtet. Stiller, fast heimlich, wurde das Verlassen der Ensemble-Mitglieder  Marc Jubete und Atte Kilpinen bekannt. Ersterer beendet seine Tänzerkarriere, Letzterer kehrt als Erster Solist des Nationalballetts in seine Heimat Finnland zurück.

Ghost Light
S. Azzoni, A. Riabko
Alle Fotos: Kiran West

Zwar bleibt der Wunsch,  Silvia Azzoni und Alexandre Riabko noch einmal, nicht nur Ausschnittsweise sondern ganz, in Nijinsky zu sehen, unerfüllt, doch das sie beide weiterhin als Sonderdarsteller*in zur Verfügung stehen werden, ist ein, wenn auch kleiner, Trost.

Es gab auch Beförderungen: Alessandro Frola und David Rodriguez tanzen ab der Saison 22/23 als Solisten und Xue Lin als Erste Solistin. Als neue Gruppentänzer*innen ergänzen die ehemaligen Aspirant*innen Carolin Inhoffen, Paula Iniesta, Francesco Cortese und Louis Musin und die ehemaligen Mitglieder des Bundesjugendballetts Justine Cramer und Lennard Giesenberg das Ensemble.
Allen auf ihren neunen Lebenswegen auf  oder auch abseits der Bühne alles Gute und möge der verdiente, lange und intensive Jubel und Applaus des Galaabends noch lange widerhallen.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 3.7.22
https://www.facebook.com/Operngestalten-106066557533677

Prgrammübersicht :
https://www.hamburgballett.de/de/news/nijinsky_gala_2022.php?fbclid=IwAR2h7jeAlb_mbBX8fcnX2H3auxlnSGAbm4kOujzcq2w-UmSO4P7-KscJ4l4

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2 Kommentare

  1. operngestalten 13. Juli 2022 — Autor der Seiten

    Gerne, Es war eben so interessant und mtreißenmd , wie schon in den 1970/80 ger Jahren!

  2. Christiane Heid 13. Juli 2022

    Vielen Dank für den Einblick in einen offensichtlich wunderbaren Abend.

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