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47. Hamburger Balletttage: Sylvia, eine Geschichte deren Musik verzaubert

Wenn ich Sylvia früher gehört hätte, hätte ich ‚Schwanensee‘ nicht geschrieben.“  Dies soll Peter Tschaikowsky über Leo Delibes Ballett gesagt haben. Es mag einfach eine Legende sein, doch das Lob, das dahinter steckt, hat durchaus seine Berechtigung. Denn vom ersten Ton an, wenn Diana und einige ihrer Nymphen, in diesem Fall eher Amazonen, mit  anschließendem Kampfgeschrei Pfeile vom Zuschauerraum aus auf eine Zielscheibe auf der Bühne schießen, entführt sie in  die romantisch verzauberte Welt der Nymphen, Dryaden, Faunen und ähnlichen mythologischen Wesen.  Doch wirkt sie auch mit weniger pompösen Bildern als in traditionellen Inszenierungen, was  das Hamburg Ballett, allen  voran Madoka Sugai in der Titelrolle und Alexandr Trusch  als Arminta in der Produktion von John Neumeier, einmal mehr bewies.

Photo Credits aller Bilder Kiran West

Schon im  vergangenen Herbst widmete operngestalten.de diesem Ballett zwei sehr ausführliche Berichte (siehe untenstehende links), einmal zur Geschichte und einmal eine Art  Bekenntnis zu dem Vergnügen ein und dasselbe Ballett in zwei unterschiedlichen Besetzungen  zu erleben. Dieses Mal möchte ich mich, neben der aktuellen Besetzung,  auch der Wirkung widmen, die die Melodien von Delibes auf mich haben. Wie stets, nicht als Fachfrau, sondern ganz emotionell und auch mit dem Anliegen Hörer, Leser oder/und Besucher des Stückes dazu anzuregen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Wie  damals bereits berichtet, ist Delibes Ballett die Geschichte der Jägerin Sylvia, der Favoritin der Jagdgöttin Diana. Der Schäfer Arminta, der in den Hain der Diana gelangt, verliebt sich in Sylvia, die sich jedoch erst wehrt und dann ihre aufkeimenden Gefühle vor den anderen Jägerinnen verleugnet. Später verführt sie der als Orion verkleidete Gott Eros um in ihr die Liebe zu wecken. Durch ihn lernt sie eine Welt der Sinnlichkeit kennen, denkt zwar auch sehnsüchtig an Arminta und Diana, entscheidet sich jedoch für die Welt Orions und einen anderen Mann. Nach Jahren trifft sie im Heiligen Wald noch einmal auf Arminta, doch die Liebe zwischen einem mystischem Wesen und einem Menschen hat nun einmal keine Chance. Sie geht mit dem Mann, Arminta bleibt zurück, ebenso wie Diana, die von Eros daran gehindert wird, sich an Arminta und Sylvia zu rächen, indem er sie an ihre Liebe zu dem in ewigem Schlaf gefangenen Endymion erinnert.

Im Grunde genommen beginnt Neumeiers Ballett bereits bevor  die ersten mitreißend dynamischen Takte  des Prélude damit beginnen, dass Sylvia Azzoni  in der Rolle der Diana und einige ihrer Amazonen Pfeile auf eine Zielscheibe auf der Bühne schießen. Schon diese ersten Töne  dann sind voller Spannung, steigern die Erwartung auf das, was kommen mag.

Was folgt ist der Tanz der Dryaden und Faune, dem sich der  des kecken Eros anschließt. Mühelos wechselt Delibes innerhalb des Scherzos Faunes & Dryades die Stimmung von geheimnisvoll-elegant zu keck-humorvoll. Dies ist ein Merkmal des gesamten Balletts und so passen die von Neumeier  geschaffenen, vielseitigen Charaktere gut zu der abwechslungsreichen, sehr bildhaften Musik. Anders als zum Beispiel der erwähnte, musikalisch ebenfalls genial komponierte, Schwanensee, der  stets Melancholie und eine gewisse schwermütige Schönheit vermittelt, strahlt Sylvia französischen Charme  und Lebensfreude aus.  Sie wirkt auf die Art und Weise zeitlos, dem zum Beispiel der im Video zu sehende Pas de deux Delibes Valse lente ebenso gerecht wird wie Neumeiers Interpretation. Er macht daraus die erste Begegnung von Arminta und Sylvia, eine Szene, die anfangs von eckigen Bewegungen, von Widerstand statt Harmonie geprägt ist und doch der Dynamik ebenso entspricht wie das Pas de deux zu der berühmtesten Melodie des Ballettes, dem Pizzicato aus dem dritten Akt, dem Neumeier  alles  optische, in anderen Produktionen  vielleicht süßliche, nimmt und wahre Gefühle und das Wissen um deren Unerfüllbarkeit sichtbar macht, ohne der Leichtigkeit der Melodie in die Quere zu kommen.

Madoka Subai, Alexandr Trusch
Photo Credits aller Bilder Kiran West

Dass Musik, Handlung und Tanz eine solche Faszination ausüben, liegt natürlich auch an den Ausübenden, denen ich mich nun widmen möchte auch, wenn es mich reizt, wirklich und intensiv darauf einzugehen. Denn wie bei diesem Ballett, gibt es auch bei der Musik, bei jedem Hören immer wieder Neues, Erwähnenswertes zu entdecken.

Schon bei ihrem letzten gemeinsamen Auftritt, als Sylvia und Arminta, bestachen Madoka Sugai und  Alexandr Trusch durch tänzerische wie darstellerische Harmonie und die Fähigkeit,  als Paar oder auch in den Soli die Stimmungen und Persönlichkeitsentwicklung ihrer Figuren spürbar zu machen. Sugai fasziniert zum Beispiel im ersten Akt bei Les Chasseresses (Fanfare) durch unbändige Sprungkraft. Trusch erweist sich im dritten Akt, bei Armintas Solo vor seinem Wiedersehen mit Sylvia, einmal mehr als der Tänzer, der Sensibilität und weiche Bewegungen ebenso beherrscht wie ausdrucksvolle Schrittkombinationen und große Sprünge.

Doch auch Sylvia Azzoni, als auf der einen Seite unversöhnlich-dynamische und dann doch zärtlich ihren ewigen Schläfer Endymion liebende Diana,  beweist ihr großes Können und lässt bedauern, dass sie  ab der kommenden Spielzeit nicht mehr als erste Solistin sondern als Sonderdarstellerin des Ensembles genannt wird. Endymion, Alessandro Frola, hingegen zeigte in dieser berührenden Rolle, dass  er eine baldige Beförderung vom Gruppentänzer zum Solisten verdient hat.  Über Christopher Evans (Eros/Thyrsis/Orion) kann ich nur sagen: er ist hier herzerfrischend bis auch sinnlich und gehört zu jenen Tänzern, die mich spätestens in diesen Balletttagen mit ihrer Vielseitigkeit überraschten und überzeugten.

Ein besonderes Lob gilt aber abschließend Markus Lehtinen, dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und hier vor allem den Blechbläsern, die das Geschenk des häufigen Einsatzes, das Delibes ihnen  in Sylvia machte, mit viel dynamischer Präzision an das Publikum weitergaben.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 23.6.22

Links zu früheren, ausführlichen Besprechungen :

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