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Hamburg Ballett – Dornröschen: Träume zwischen zwei Welten

Eine Clique junger Männer geht zum Jagen und Feiern in den Wald. Einem von ihnen, Prinz „Desiré“, öffnet sich eine Welt jenseits der Realität. Eine Welt voller märchenhaften Zaubers samt guter und böser Fee, hier „Die Rose“ beziehungsweise „Der Dorn“ genannt. Natürlich fehlt auch die Prinzessin nicht,  „Aurora“, deren Geburt, Kindheit, Erwachsenwerden und Verzauberung er in einer Art Vision/Traum erlebt. Später erweckt  er sie, führt sie ins Leben zurück, heiratet sie. Immer wieder begegnen sich die zwei im Laufe der Geschichte, meist auf der Ebene: „Ich trug  dein Bild schon  immer in mir“. Am Ende begegnen sie sich in der wahren Welt. Er findet sie- schlafend – auf einer Bank.  Ein Ende das einen Anfang in sich birgt.

Matias Oberlin, Hélène Bouchet, Alexandr Trusch
Alle Fotos: Kiran West (Premierenserie 2021)

Das ist die Art und Weise wie John Neumeier und sein Hamburg Ballett  Peter Tschaikowskys Märchenballett Dornröschen bereits vor knapp 44 Jahren, zu den Balletttagen 1978, interpretierten. Nun steht dieses Werk, seit seiner erneuten Premiere  im Dezember 2021 etwas verändert, wieder auf dem Spielplan ohne seine  romantisch-märchenhafte Magie verloren zu haben.
Das liegt zum einen sicherlich an den wunderbaren Bühnenbildern und Kostümen von Jürgen Rose, der schon damals dafür verantwortlich zeichnete. Die Feen auf der Taufe Auroras, hier nach Planeten benannt, sind in glitzernde Tütüs gekleidet,  ebenso wie die Tänzerinnen des Divertimento im Hochzeitsbild, die weiblichen Gäste tragen hier bodenlange Abendkleider in einem wirklich betörenden Rot und die Herren Galauniformen. Der Prinz trägt von der ersten bis zur letzten Szene Jeans und Hemd. Die böse Fee wird nicht nur von einem Mann getanzt, was auch  in anderen Produktionen nicht unüblich ist, sondern  heißt hier Der Dorn und tritt dornenumrankt oder ganz in schwarz, an einen verschleierten Tuareg erinnernd, auf, bildet auf diese Weise  den Gegensatz zur guten Fee, der Rose.

Bildmitte: Christopher Evans
Alle Fotos: Kiran West (Premierenserie 2021)

Wie auch bei seinen anderen beiden Tschaikowsky Balletten, gibt John Neumeier Dornröschen eine Rahmengeschichte, die im Bezug zum wahren Leben steht und so Phantasiewelt und Realität in Bezug setzt: So wird aus einem Märchen, das wir alle kennen, nicht nur ein Abend mit perfekt in teilweise atemberaubenden Tanz umgesetzter, wunderschöner Musik, sondern  eine getanzte Geschichte in der wir uns erkennen und wiederfinden können. Dafür sorgen natürlich auch die Tänzer, da sie mit ihrem tänzerischen Können faszinieren, aber dank  Ausdruck,  Darstellung  und Ausstrahlung Figuren zum Leben erwecken, uns deren Menschlichkeit nahebringen.

Alina Cojocarus Aurora ist vielschichtig, verträumt, verspielt  aber auch sehr lebensfroh. Ihr Rosenadagio, wie auch  alle anderen Soli, bewältigt sie mit Charme, Mühelosigkeit und technischer Perfektion. Schön auch ihre kleinen so eindringlichen Gesten, wenn sie Desiré während des  Festes zum 16. Geburtstag zu spüren scheint, während des Erwachens sein Gesicht zärtlich erkundet um ihn dann, wenn die Angst vergessen ist, ungestüm zu küssen.

Ida Pratorius, Alexandr Trusch
Alle Fotos: Kiran West (Premierenserie 2021)

Alexandr Trusch überzeugt als Prinz, der sich nach mehr sehnt im Leben als trinkend, johlend und jagend durch die Wälder zu streifen und dem sich, als er sich während eines Gewitters verläuft, eine Welt erschließt, die ihm durch Bilder und Versionen einen Weg weist. Oft ist er im ersten Teil des Balletts nicht mehr als der, für alle anderen unsichtbare, Beobachter, der dem Publikum aber gerade durch wenig viel von Prinz Desirés Charakter, seiner Fürsorge und Sehnsucht enthüllt. Trusch ist von jeher ein klassisch mehr als versierter Techniker und verlässlich sicherer Partner für seine Tänzerinnen. Doch hier liegen sein Stärken nicht nur in den Sprüngen bei der Variation im Grand Pas de deux, sondern bei dem fast ekstatisch  enthusiastischen Tanz, kurz bevor er in das Hier und Jetzt zurückkehrt, und in den beiden zugefügten Soli, bei denen unter anderem mit Hilfe von für Neumeier typischen Gesten, die eher dem Ausdruckstanz als dem klassischen Ballett zuzuordnen sind, Desirés Gefühlswelt und Zerrissenheit deutlich wird.

Anna Laudere als Rose wirkt ätherisch biegsam, schwerelos  und entspricht auch mit ihren wunderbar weichen Arm- und ausdrucksvollen Handbewegungen dem Bild einer Fee. Fast omnipräsent aber unaufdringlich und authentisch, führt sie Prinz Desiré durch seinen Traum, federleicht bei den Hebungen, kraftvoll bei den Sprüngen.

Alle Fotos: Kiran West (Premierenserie 2021)

Matias Oberlin ist  als Dorn ein würdiger Gegenspieler für das Gute. In seiner wahren Gestalt, wie auch verkleidet  als ägyptischer Prinz und geheimnisvoller Bewerber um Auroras Hand, wirkt er charismatisch in Tanz und Ausstrahlung.   Er strahlt auch durch seine hohen Sprünge und  intensiven Bewegungen jene Anziehungskraft aus, die das vermeintlich Böse so unwiderstehlich macht.

Christopher Evans ist ein herrlich verschrobener Haushofmeister und Tanzlehrer Catalabutte, man kann nicht anders als über ihn zu schmunzeln, wenn er ob der Streiche der heranwachsenden Aurora schier verzweifelt, stolpernd und fallend vom Tiefschlaf ins Leben zurückfindet oder entsetzt ist über den unschicklichen Aufzug des Prinzen, der auch zum Grand Pas de deux nicht die von Catalabutte ausgesuchte Kleidung trägt, sondern Jeans und Hemd. Seine Sprungkraft beweist er dann  endgültig im Pas de deux Der Blaue Vogel an der Seite der entzückenden  Xue Lin.

Ida Pratorius, Alexandr Trusch
Alle Fotos: Kiran West (Premierenserie 2021)

Hayley Page und Florian Pohl bilden als Auroras Eltern ein wahrhaft elegantes, königliches Paar. Beiden gelingt es aber mühelos, die Sehnsucht nach einem Kind wie auch die große Liebe zu diesem Kind deutlich zu machen. Auch alle weiteren Tänzer*innen zeigten in Mehrfachrollen ihre Vielseitigkeit und  auch, dass sie das Potential besitzen irgendwann die namhafteren Partien dieses Stückes zu tanzen.

Markus Lehtinen und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, besonders Daniel Cho (Solo-Violine), Florian Peelman (Solo-Viola) Olivia Jeremias (Solo-Violoncello), begleiteten die Tänzer mit viel Einfühlungsvermögen und winzigen Fehlern im Blech, die aber, statt wirklich zu stören, zeigten, dass  die Faszination von schöner Musik im Ausdruck liegt und nicht in kühler Perfektion.

Fazit: Ein Abend, der alle im ausverkauften Haus begeisterte und mit langanhaltendem Applaus und Standing Ovations endete und die Vorfreude auf die anstehenden Balletttage wachsen lässt!!

Birgit Kleinfeld (Vorstellungsbesuch 27.5.2022)

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1 Kommentar

  1. Christiane Heid 30. Mai 2022

    Es scheint ein wundervoller Abend gewesen zu sein. 😀

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