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Staatsoper Hamburg – Tannhäuser: Die Irrungen und Wirrungen des alternden Heinrich

Nach mehr als 30 Jahren feierte nun Richard Wagners Oper Tannhäuser Premiere an der Staatsoper Hamburg. Manchmal erdrücken die opulenten Bilder von Monika Pormale und auch die Kostüme von Sophie Klenk-Wulff die Klänge von Wagners   vielschichtiger, bildstarker Musik und einiges an der Regie von Kornél Mundruczó bedarf des „Nach- Denkens“ Diese Produktion wird dennoch zu jenen gehören, die von sich reden machen werden, mag der Anteil des Premierenpublikums, der sie ablehnte, auch unüberhörbar größer  gewesen sein als jener, der sie schätzte. Niemand kann bestreiten, dass es Mundruczó gelungen ist, alle Darsteller dazu zu zubringen ihr Bestes zu geben, um den jeweiligen Charakteren die Konturen zu geben, die ihnen Authentizität und Intensivität  verleihen.

Klaus Florian Vogt/ Tanja Ariane Baumgartner
Alle Fotos; Brinkhoff-Mögenburg

Wohin verlierst du dich?

Diese Frage stellt in Wagners Oper  Venus in ihrem Lustberg dem Sänger (Heinrich) Tannhäuser, als er sich anschickt sie zu verlassen, um zurückzukehren Hin zu den kalten Menschen …wie sie es nennt, beziehungsweise nach seinem eigenen Empfinden:  Vom Bann werd‘ ich durch Buß‘ erlöst./ Mein Heil! mein Heil ruht in Maria!. Mit diesen Worten kehrt er zurück zu seinen Sängerfreunden, der Wartburg und zu der Frau, der reinen Jungfrau, die all ihren Lebenssinn verlor als er sie  verließ. Sie ist es auch, die ihn vorm Tode rettet, denn in einem Sängerwettstreit begeht Tannhäuser den Frevel der Liebesgöttin Venus zu huldigen: Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied ertönen. Ein, oder  wie es oft gesehen wird, der Weg um einem Dilemma zu entgehen: Eine eigenständige Wahl  zu fällen.  Denn so disqualifiziert nimmt er sich nicht den Weg zur Buße, was der Fall gewesen wäre, hätte er nach seinem Sieg Elisabeth geheiratet und so seine Sünden vergrößert. Hätte er verloren, hätte er auch Elisabeth verloren; galt  ihre Hand doch als Preis.

Landgraf Hermann, Elisabeths Onkel, geht auf ihre innige Fürsprache ein und  befiehlt Tannhäuser mit den anderen Pilgern nach Rom zu reisen um dort Erlösung zu erlangen. Als Elisabeth feststellt, dass der Geliebte, trotz innigster Gebete, nicht mit den anderen zurückgekehrt ist, sucht sie verzweifelt den Tod. Der ihr wie auch Tannhäuser treu ergebene Wolfram von Eschenbach jedoch ist zugegen, als dieser einsam heimkehrt. Die Buße wurde ihm vom Papst  verweigert und erst  Eschenbachs Nennung von Elisabeths Namen, hält ihn davon ab endgültig zu Venus zurückzukehren und  nun doch erlöst  zu sterben.

Alle Fotos; Brinkhoff-Mögenburg

Mundruczó und sein Team machen aus Tannhäuser einen am burn-out leidenden Mann in der Midlifecrisis (siehe Aussage Regisseur z.B. im Programmheft). Aus dem Venusberg wurde eine Art Dschungel oder Palmenhain, in dem der Sänger mit  Venus  und einer eigenen Kinderschar lebt. Kennt man die Absicht des Regisseurs nicht, aus Tannhäuser und Venus ein Elternpaar zu machen, mutet es schon ein wenig befremdlich an, wenn Venus ihm junge Mädchen zuführt. Aber dies ist nicht das Einzige, das Fragen aufwirft, und wohl auch nicht das Augenfälligste.

Wieder nach eigener Aussage sieht  Mundruczó Tannhäuser als Mann zwischen zwei Welten. Damit meint er nicht nur die sinnliche und die sakrale Liebe, sondern die Natur in ihrer Ursprünglichkeit (Dschungel) und die reale, vom Menschen unterworfene. Um den krassen Gegensatz zu zeigen, stellt der Regisseur der Dschungel-Idylle die Welt der Jagd entgegen. Wobei die Frage aufkommt: symbolisieren die sechs ausblutenden Hirsche vielleicht die sechs Sängerkollegen Tannhäusers? Und sollen auf dem Fest stolpernde Diener und niesend-hustende Frauen oder „Selfie-mit-Landgraf“-Jägerinnen jene  auch heiteren Momente darstellen,  die Wagner selbst in seinem Werk sieht?  Es wimmelt im zweiten Akt nur von solch plakativen Merkwürdigkeiten und stereotypen altdeutschen Symbolen: die Hirschköpfe und ähnliches. Dies sind nur einige Aspekte, die  sicher nicht nur mich beschäftigen und denen ich  in meinem Gespräch mit Venus Tanja Baumgartner auf den Grund zu kommen hoffe. Bis dahin, wandele ich Venus‘ Frage ab: Kornel, wohin zieht es dich??

Jennifer Holloway, Klaus Florian Vogt
Alle Fotos; Brinkhoff-Mögenburg

In Klängen schwelgen, fasziniert von Schauspielkunst

Nun möchte ich mich aber dem Musikalischen widmen und beginnen  mit dem eindrucksvollen Finale. Hier schenken uns Mundruczó und Team leuchtende auf nicht unangenehme Art kitschige Bilder. Das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von GMD Kent Nagano dann, wie auch der Chor der Hamburgischen Staatsoper, besonders die im Saal  an den Seiten der ersten 12 Parkettreihen positionierten Herren, sorgen durch ein besonderes Klangerlebnis, für den Gänsehautmoment des Abends. Ja, sie geben ihm einen Hauch  erhabener Ergriffenheit.

Wie in den meisten seiner Opern, behandelt Wagner auch im Tannhäuser eine Facette von Verführung, Hingabe, Reinheit und Suche nach Erlösung. Und wie stets führt Wagner uns an Hand von Leitmotiven, wiederkehrenden Themen durch die Welt und Emotionen seiner Heldinnen und Helden, wie eben mit jener Melodie zu Tannhäusers Preislied an Venus. Doch Nagano und seinem Orchester gelang es schon mit der Ouvertüre  die Thematik von Sakralität und Sinnlichkeit einfühlsam zum Klingen zu bringen, und sie hielten dieses Niveau bis zum erwähnten Finale durch. Ja, es gab zu Beginn des dritten Aufzuges und auch beim ersten Vorhang und nur bei diesem, ein wahres Konzert aus Buhs, das ich für einen Weg dafür halte, dass hier auf, für mich nicht nachvollziehbare Weise,  die Bevorzugung anderer (älterer?) Interpretationen zum Ausdruckgebracht werden sollte. Und trägt eine solche Vehemenz auch leicht zur Verunsicherung bei, so bleibe ich  bei meiner Überzeugung, dass Dirigent  und Orchester eine ebenso beeindruckende Leistung erbrachten wie der zu Recht umjubelte Chor.

Jennifer Holloway
Alle Fotos; Brinkhoff-Mögenburg


Wie bereits erwähnt, war nicht übersehbar, dass Mundruczó viel daran lag, jede einzelne Figur auf der Bühne gut zu führen, was ihm dank der ihm zur Verfügung stehenden Künstler auch ohne Zweifel gut gelang. Das beginnt beim spielfreudigen Knabensopran Florian Markus  aus dem Chor der Tölzer Sängerknaben und geht über die Sänger Martin Summer (Reinmar von Zweiter), Jürgen Sacher (Heinrich der Schreiber) bis hin zu Levente Páll (Biterolf) und Daniel Kluge (Walther von der Vogelweide), die beiden von diesen vieren, die ihr stimmliches Können am meisten unter Beweis stellen konnten.

Als Wolfram von  Eschenbach, dem Fünften im Bunde der Tannhäuser Konkurrenten, demjenigen,  der mit  Blick‘ ich umher in diesem edlen Kreise …. den Wettbewerb eröffnet und, trotz seiner tiefen Zuneigung zu Elisabeth, Tannhäuser ein guter Freund ist, glänzte Bariton Christoph Pohl. Seine auf unaufdringliche Art intensive Darstellung  ging ebenso unter die Haut wie seine Arie  Oh, du mein holder Abendstern. Denn Pohl zeigte in jeder Minute seine darstellerische Qualität ebenso wie  Ausdruckskraft seiner Stimme. In der vergangenen Spielzeit begeisterte  Pohl als Lord Enrico Ashton und im Juni wird er als Conte D’Almaviva in Wolfgang Amadeus Mozarts Le Nozze di Figaro  zu sehen sein.

Wo Pohls Eschenbach voller Gefühl ist, ist der Graf Hermann von  Georg Zeppenfeld ein Herrscher durch und durch, ohne es an Menschlichkeit, besonders Elisabeth gegenüber, mangeln zu lassen und sein Bass    zeichnet sich durch Fülle wie  ein warmes Timbre aus. Es ist bedauerlich, dass nicht auch er hierin Hamburg seine Wandlungsfähigkeit in weiteren Rollen zeigen kann.

Klaus Florian Vogt, Tanja Ariane Baumgartner. Georg Zeppenfeld
Alle Fotos; Brinkhoff-Mögenburg

Heutige Wagnersänger klingen anders. Irgendwie…

Dieser Satz gilt in keiner Weise für Venusdarstellerin Tanja Ariane Baumgartner. Sie entspricht  mit jeder Faser, jedem dramatischen Ton, der Wagner-Heroine, wie ich sie aus meiner Jugend kenne. Ihr Mezzo hat dieses ganz spezielle Timbre und sie weiß ihn, ebenso wie ihre Gesten und ihre Mimik, mit Leichtigkeit  so einzusetzen, dass sie die gewünschte Wirkung erzielt. Man glaubt ihr jedes Wort, wenn  sie Tannhäuser beschimpft und ihr  Weh! Mir verloren! lässt keinen Zweifel an ihrer Trauer, ihrer Wut. So muss  (für mich) eine starke Wagner (Anti?)Heldin klingen.

Doch möchte ich auf keinen Fall die Leistung von Jennifer Holloway schmälern. Ihr Sopran hat eine wunderschöne Stimmfarbe, ist auch in den Höhen ohne erkennbare Schärfen und,  besonders in der Hallenarie des zweiten Aufzugs und  dem Gebet im letzten, voller Innigkeit. Und doch… Ja und doch mach ich mich des Vergleiches mit den Sängerinnen der 70er und 80er Jahre schuldig, die sich einer anderen Technik bedienten und von denen ich besonders Catarina Ligendza und Leonie Rysanek sehr schätzte. Doch andererseits bietet Jennifer Holloway eine neue und frische stimmliche Sicht auf die Elisabeth und ich kann nicht verhehlen, dass ich mich  aufrichtig auf ihre Senta in Richard Wagners Der fliegende  Holländer in der kommenden Spielzeit freue. Besonders auch weil mich ihre Darstellung der Elisabeth sehr berührte. Warum die  reine Jungfrau Elisabeth in dieser Produktion ein eher androgynes Äußeres hat, erschließt sich mir nicht. Umso bewunderungswerter ist es, dass es Holloway gelang, ihr eine sehr weibliche Zartheit und Zerbrechlichkeit zu verleihen.

Klaus Florian Vogt
Alle Fotos; Brinkhoff-Mögenburg

Titelheld Klaus Florian Vogt  ist, wie  ich schon in  Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt feststellte, ein äußerst intensiver Darsteller. Dies gilt auch für seinen Tannhäuser. Er ist im ersten Aufzug wirklich der seines  recht beschaulich sündigen  Lebens müde Held,  der sich nach Erlösung sehnt. Er sprüht im zweiten Bild vor Rollen gerechter verzweifelter Arroganz, wenn er seinen Sängerkollegen ihr Unwissen über das wahre Wesen der Liebe vorwirft. Und im dritten Bild, in der Romerzählung, scheint er völlig aufzuleben, gibt darstellerisch alles und mehr. Stimmlich jedoch gehören sein Tenor und sein Gesang nicht zu der Art Sangeskunst, die mich persönlich berührt, mitreißt oder völlig begeistert. Was zum Teil sicher auch an meiner Meinung liegt, dass in meiner Jugend die Erwartungen und auch das Gebotene anders waren als heute.

Fazit: Aber anders sollte niemals mit besser/schlechter übersetzt werden, nur mit einem: nicht ganz mein Geschmack aber in der Premiere unüberhörbar der des Großteils des Publikums, dessen  langanhaltendem Jubel für die Sänger ich mich gerne anschloss.

Birgit Kleinfeld (Vorstellungsbesuch 24.4.22)

Link:
https://www.staatsoper-hamburg.de/
https://www.klaus-florian-vogt.de/
https://www.jennholloway.com/?lang=de
https://tanjaarianebaumgartner.com/
https://pohl-christoph.de/de/
https://www.leventepallbass.com/
https://www.toelzerknabenchor.de/index.php

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