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Staatsoper Hamburg – Aida: Ein weiterer Stimmgenuss der Italienischen Opernwochen 2022

Die Tenorarie Celeste Aida und Der Triumphmarsch aus Giuseppe Verdis Aida gehören zu jenen Opern- Melodien, die uns immer wieder einmal da begegnen, wo nicht wirklich ihr Platz ist: in der Werbung. Heute erklang die Arie aus der Kehle von Tenor Stefano La Colla, der kurzfristig für Fabio Sartori einsprang, und war zusammen mit den Leistungen von Tatiana Serjan in der Titelrolle, Violeta Urmana Amneris, Amartuvshin Enkhbat (Amonasro) , Alexander Rosvalets (Ramfis) und dem Rest des Ensembles ein Beweis für die wunderbare Qualität der Italienischen Opernwochen 2022. Die so auch Werbung sind: Werbung für die Staatsoper Hamburg, ihr Ensemble, ihre, situationsbedingt (Covid u. ä.), oft erst kurzfristig engagierten Gäste.

Alle Fotos: Jörg Michel (frühere Aufführungsserie)

Eine Geschichte, zeitlos wie Liebe und Streben nach Macht

Giuseppe Verdis Aida, ein Auftragswerk des Khedivial – Opernhauses in Kairo, gedacht für den Festakt zur Eröffnung des Suezkanals im Jahre 1869. Durch Verdis Lange Weigerung jedoch, startete Aida erst ab dem 24.12.1871 ihren bis heute andauernden Triumphzug um die Welt.

Die Oper erzählte eine Geschichte, die ihre Aktualität nie verlieren  wird. Denn es geht um Herrschaftsansprüche – sprich Krieg-, Liebe, erwiderte wie unerwiderte, und um durch Eifersucht umgesetzten Rachedurst. Denn die von den Ägyptern gefangene äthiopische Prinzessin Aida und der ägyptische Feldherr Radames lieben sich, obwohl zwischen ihren Ländern Krieg herrscht. Doch auch die ägyptische Prinzessin Amneris liebt Radames und zeigt darum Aida gerne ihre Überlegenheit. Das Ganze eskaliert als Radames erkennt, dass sein Gefangener Amonasro nicht nur Aidas Vater sondern der König des Feindeslandes ist. Amneris, inzwischen auf Wunsch ihres Vaters Radames‘ Braut, beobachtet diese vermeidliche Verschwörung und brandmarkt den Geliebten als Verräter. Der rettet sie vor Amonasro, begibt sich dann freiwillig in Gefangenschaft und wartet auf sein Todesurteil: Einmauerung. Statt zu fliehen gesellt sich Aida zu ihm um mit ihm gemeinsam in den Tod zu gehen, während die reuige Amneris den beiden Frieden wünscht.

Alle Fotos: Jörg Michel (frühere Aufführungsserie)

Im Jahr 2010 hatte die Produktion von Guy Joosten (Regie), seinem Lichtgestalter Davy Cunningham Kostümbildner Jorge Jara und Bühnenbildner Johannes Leiacker an der Staatsoper Hamburg Premiere. Momentan wird eine den Hygiene- und Abstandsregeln angepasste Version gezeigt.

Ungelöste Rätsel der Bedeutung der Aussage …

Ist man mehr als nur sehr wohlwollend, mag man in dieser Tatsache den Grund dafür sehen, dass es  schwer ist, diese Inszenierung nicht als lieblos zu bezeichnen oder dass der Eindruck entsteht, hier wurden viele Idee einfach mal so aneinander gereiht.

Doch, sonst immer gerne dazu bereit mir Gedanken um die Absichten der Regie zu machen um andere eventuell beim Verstehen zu unterstützen, komme ich hier an meine Grenzen.  Das sterile Bühnenbild soll sicherlich das Innere einer Pyramide zeige. Die Ameisen, die, ständig übergroß an der rechten Bühnenbildseite zu sehen, später als  durchsichtige Lichtprojektionen, auf allen Seiten erscheinen, bzw. animiert in einem Video über ein Bett krabbeln, bleiben mir unklar. Symbole für Soldaten, die immer den ihnen vorgeschriebenen Weg gehen? Naja, es gibt auch eine Ameisenart die Pharaonenameise heißt und aus Asien stammt.

Alle Fotos: Jörg Michel (frühere Aufführungsserie)

Und dann ist da noch das Bett, das in wirklich jeder Szene den Mittelpunkt der Bühne bildet. Gut, da die Oper endet wie sie beginnt, nämlich mit Radames und Aida engumschlungen darauf liegen, mag das Ganze als Traum erzählt sein oder rückblickend. Aber wirklich logisch wirkt das alles nicht.

Dass die Inszenierung irgendwie ins Heute verlegt wurde, zeigt sich  natürlich in den Kostümen: eine Mischung aus Soutane eines katholischen Geistlichen und einer Soldatenuniformen für die Priester, eine Gardeuniform für Amneris‘ Vater, armeegrün für Radames und Amonasro, schicke Kleidchen, die an die Schickeria, wo auch immer, der westlichen Welt erinnern für die Damen am ägyptischen Hof und ein weißes Brautkleid, samt Schleier für Amneris. Ach, und es gibt irgendwann auch noch mit semidurchsichtigen schwarzen Schleiern behangene Damen mit ellenbogenlangen roten Handschuhen.

Alle Fotos: Jörg Michel (frühere Aufführungsserie)

Ich habe mich wirklich bemüht, Amneris‘ zickige Gesten und einige andere Kleinigkeiten zu schätzen, da es personenregiemäßig sicher einiges zu entdecken gab, aber -nennen sie mich unprofessionell – irgendwann war ich raus und versuchte alles optische an mir vorbeirauschen zu lassen. Ähnlich wie man bei Achtsamkeitsübungen nur dem eigenen Atem Aufmerksamkeit schenkt, widmete ich mich nur den gesanglichen Leistungen auf der Bühne und der Musik aus dem Graben.

… erschweren den Genuss

Wie schon vor einigen Jahren als Tosca in  Puccinis gleichnamiger Oper zeigt Tatiana Serjan auch  als Aida, zu welcher Leidenschaft sie darstellerisch und stimmlich fähig ist, sie überzeugte auf ganzer Linie als in sich zerrissene Gefangene, die einen Feind und auch ihr Heimatland liebt. Abgesehen von einigen Schärfen in den Höhen und manchmal leichten Schwierigkeiten in den Übergängen, faszinierte sie einmal mehr mit ungewöhnlich großem Stimmvolumen und  -umfang und tiefgehender Ausdruckskraft.

Alle Fotos: Jörg Michel (frühere Aufführungsserie)

Anders als in den vorangegangenen Vorstellungen stand ihr nicht Fabio Satori sondern Stefano La Colla als Radames zur Seite. Ein lautstarkes Bravo! für seine Bereitschaft im wahrsten Sinne des Wortes von einem Tag auf den anderen in dieser, einen Tenor äußerst fordernden, Partie einzuspringen und dann besonders im zweiten Teil und im Finale überragende Leistungen abzuliefern. Auch er besitzt ein sehr voluminöses Organ, dessen Timbre mir persönlich zwar etwas zu  viel Metall hat und zu wenig Schmelz, das er aber ohne jeden Zweifel stets kraftvoll und mühelos einsetzt.

Das Timbre von Violeta Urmana (Amneris) hingegen trifft ganz und gar meinen Geschmack, und nicht nur das. Ihr Mezzo sprüht vor Klangfarben und -schattierungen. Und auch ihr Spiel ist abwechslungsreich  und authentisch. Glaubwürdig entwickelt sie sich von der verwöhnten Prinzessin, die gewohnt ist, sich zu nehmen was sie will,  zu der von Alkohol und verzweifelter Reue trunkenen Liebenden. Wunderbar!

Alle Fotos: Jörg Michel (frühere Aufführungsserie)

Auch die drei Herren aus dem Bereich tiefe Stimmen begeisterten mit ihren Leistungen. Besonders der aus der Mongolei stammende Bass Amartuvshin Enkhbat wusste durch sein volltönendes, warmes Timbre das Publikum für sich zu gewinnen. Alexander Roslavets agierte und sang als Ramfis gewohnt souverän und stets ausdruckssicher und Romano Dal Zovo machte als König von Ägypten nicht nur eine gute Figur in seinen Uniformen, sondern überzeugte auch stimmlich.

Ein besonderes Lob möchte ich, wie in letzter Zeit eigentlich immer, den beiden jungen Sängern des internationalen Opernstudios Hamburg aussprechen. Marie-Dominique Ryckmanns, deren glockenreiner Sopran als Stimme einer Hohepriesterin zu hören war, macht neugierig auf ihre Giannetta in  Gaetano Donizettis L’Elisir d’Amore. Und auch von Seungwoo Simon Yang, der in einer kurzen Szene  als gefolterter Bote auf sich aufmerksam machte, möchte man noch viel mehr hören und sehen.

Auch der Chor der Hamburgischen Staatsoper und das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg konnte sich gut hören lassen, nur meinte es Maestro Daniele Callegari des Öfteren etwas zu gut mit der Lautstärke. Aber das ist Meckern auf etwas höherem Niveau und nur weil mir eine einzige Vorstellung nicht zu 100% gefiel, bleibt es dabei, dass die diesjährigen Italienischen Opernwochen einfach jedes Bravo, jede Minute Applaus  und auch  die Standing Ovations mehr als verdient haben!!

Birgit Kleinfeld (Vorstellungsbesuch, 03.04.22)

Links
https://www.danielecallegari.com/
https://www.stefanolacolla.com/
https://www.marie-dominique-ryckmanns.com/
https://www.operabase.com/artists/tatiana-serjan-16690/de
https://www.operabase.com/artists/stefano-la-colla-16138/de
https://www.operabase.com/artists/alexander-roslavets-21779/de
https://www.operabase.com/artists/amartuvshin-enkhbat-21756/de
https://www.operabase.com/artists/romano-dal-zovo-15070/de

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