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Ben Becker bewegt  – auch zum Nachdenken – mit  „Ich, Judas“ im Hamburger Michel

Es gibt im realen Leben, wie auch bei Veranstaltungsbesuchen welcher Art auch immer, Situationen, die einen tief bewegen und alte Ansichten überdenken lassen. Die Folge? Zu viele  Gedanken und Ideen, um sie gut und lesergerecht aufs „Papier“ zu bringen. Ben Beckers Solo-Performance ‚Ich, Judas‘ in der Hamburger St. Michaelis Kirche gehört auf  jeden Fall  in diese Kategorie. Er fasziniert und bewegt vom ersten Moment an, rührt an Stellen im Bewusstsein, die  lange unberührt blieben, zugedeckt von dem, was wir als ultimative Wahrheit kennen. Er schont weder sich noch uns, die wir uns  einfach nicht entziehen können .Jedes Wort scheint zu viel, da es zu viel verrät und gleichzeitig zu wenig, weil .. Ja, „weil“ eben. Weil das Thema immer noch brisant ist. Weil die Wirkung von Beckers Intensität einfach überwältigt. Weil die Angst besteht, etwas, dass einem selbst so wertvoll scheint, verliert diesen Wert, gibt man ihn öffentlich preis.

Nachdem ich nun wortreich erklärt habe, dass mir eben jene fehlen, zum Thema. Judas Ischariot gilt als der Verräter schlechthin, sein Vorname auch heute noch tabu. Der Ausdruck  „So ein Judas!“ ist noch heute hier und da zu hören. Zu Beginn liest  Becker den 47. Artikel aus Amos Oz‘ Buch Judas, das die letzten Stunden des Mannes beschreibt, der Jesus  den Römern auslieferte. Dem  70-minütigen Hauptteil des Abends Ich, Judas liegt die fiktive Verteidigungsrede des Judas aus Walter Jens‘‚ Der Fall Judas zu Grunde. Schon der Text allein geht unter die Haut, ist provokant, wirft eine 2000 Jahre alte Gewissheit über den Haufen. Es geht darum, den zu verstehen, der nie Verständnis bekam, den  wir seit  2000 Jahren vorbehaltslos verdammen. Ohne uns zu fragen, ob seine Bewegründe nicht viel vielschichtiger sind als jene 30 Silberlinge.

BenBecker©FacelandCom

„Was war denn zu verraten?“, fragt Judas in seiner Verteidigungsrede, “ Jesus‘ Aufenthaltsort? Den kannten Tausende. Sein großes Geheimnis, dass er Gottes Sohn sei? Das hat er selbst gesagt, vor allen Leuten!“ Und das ist nur der Anfang von vielen Unstimmigkeiten einer Geschichte, die mehr geglaubt als befragt wurde. Das Bild von Judas, dem Verräter, ist ein Vorurteil mit den fatalsten Folgen: Antisemitismus, Judenverfolgung, Glaubenskriege. (Auszug, der Stückinformation entnommen)  Und Walter Jens geht noch weiter und sagt schonungslos radikal: „Judas ist nichts ohne Jesus … Aber Jesus ist auch nichts ohne Judas.“

Ist Judas statt „nur“ ein Verräter, viel mehr der, dessen Tat  Jesus erst zum Messias machte? Ist alles von Anfang an der Plan Gottes gewesen?  Bei aller Provokanz, die viele, im besonderen Christen, vielleicht bei Stück und Text empfinden, geht es nicht darum, Judas von allem freizusprechen, sondern darum über den selbstgerechten Tellerrand zu blicken und neuen, unbequemen Aspekten eine oder mehrere Überlegungen  zu schenken.

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Wem schon Walter Jens alleine Denkanstöße lieferte, der wird sich der Wirkung des, von Becker selbst inszenierten, Events nicht entziehen können, vielleicht wird er  zu jenen gehören, die tun, was mir eine nette Michel-Mitarbeiterin prophezeite : „Sie kommen nächstes Jahr wieder!“ 
Und ja, ich hoffe nächstes Jahr wiederkommen zu können, denn seit langem hat mich eine Darstellung des reinen Sprechtheaters nicht so in den Bann gezogen, aber auch auf wohltuende Art aus der Bahn geworfen, wie diese 70 Minuten voller Wut, Verzweiflung, (Selbst)Anklage, Tränen und Rechtfertigung sowie Ben Beckers fantastische Leistung.  Von,  an passenden Stellen auch schon einmal dissonant, Domorganist Andreas Sieling begleitet. Ganz in Weiß gekleidet mit wehenden Mantelschößen klagt er auch die Kläger an, wendet sich ans Publikum, sucht Unterstützung bei Altarbild und Altarkreuz. Seine  markante Bassstimme bebt, schluchzt und brüllt, der Hall der Kirche tut das Seinige dazu um Gänsehaut und spannungsgeladenes Luftanhalten und nicht greifbare Gedanken und Emotionen auszulösen.

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Die überbordende Überzeugungskraft und Authentizität, die von diesem polarisierenden Künstler ausgeht, ist unbeschreiblich, ist einfach nur selbst erlebbar. Ja, Ben Becker bleibt dem Rollenbild, das  durch zahlreiche Filme entstanden ist, treu: bleibt der wütende Außenseiter, Kämpfer, Bösewicht. Aber er scheint sich in der Zeit der Vorstellung auch mit Judas zu identifizieren, erweckt ihn zum Leben und wird so  zum Prototyp all jener, deren Taten wir-wenn wohl auch zu Recht- verurteilen, deren Leid und Zwiespalt, tieferen Beweggründe wir uns aber weigern zu sehen.

Großer Jubel und Standing Ovation für eine fulminante Vorstellung ist immer etwas besonderes, in einer Kirche jedoch ist er ein absolut krönender Abschluss für einen Abend, dessen Wirkung nicht so schnell verklingt.
Darum: Danke Herr Becker! zum nächsten Jahr, Judas!

Birgit Kleinfeld (Vorstellungsbesuch 31.03.22)

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