Opern- und Leben(s)gestalten

Es gibt so vieles, neben Oper, mit dem es sich lohnt das Leben zu gestalten! Drum füllen sich nach und nach die Menü- & Unterpunkte! Viel Spaß!

Staatsoper Hamburg: Giacomo Puccinis Turandot – Ein Traum von Musik und einem Schauermärchen

Die Premiere von Giacomo Puccinis Oper Turandotist ein weiterer erfolgreicher, umjubelter Teil der Italienischen Opernwochen der Staatsoper Hamburg.  Die südkoreanische Regisseurin Dr. Phil. Yona Kim und ihr Team  faszinierten und begeisterten das Publikum mit ihrer Umsetzung ebenso wie es der Rest des Ensembles, allen voran Gregory Kunde (Calaf), durch intensive Darstellung und schöne Stimmen taten.

Mit allen Konsequenzen für die Liebe – oder gegen sie

Ein Schauermärchen der Modernenennt Yona Kim Puccinis letzte, nach dessen Tod von dem Komponisten Franco Alfonso vollendete, Oper. Und tatsächlich basiert das Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni auf dem Theaterstück von Carlo Gozzi, der sich auf eine Sage aus dem Chinesischen wie auch dem Persischen bezieht. Doch auch die europäischen Märchen kennen Prinzessinnen, die jene Prinzen, die um sie freien, vor die Wahl stellen, drei Aufgaben oder Rätsel zu lösen  um ihre Hand zu gewinnen oder, nicht nur im übertragenen Sinne, den Kopf zu verlieren.  Oft taucht auch eine bescheidene Frau auf wie hier Liu. Eine Frau, die sich lieber selbst tötet statt, wie von der Prinzessin gefordert, den Namen des unerwidert Geliebten zu verraten. Auch der  siegreiche Prinz in diesen Märchen, wie in dieser Oper, ist unerschütterlich in seiner Leidenschaft und voller Selbstvertrauen.

Antonia Kirichek
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Denn er selbst sagte der Prinzessin, er würde  auf ihre Hand verzichten und in den Tod gehen, erriete sie seinen Namen, sicher, sie würde ihn nie erfahren. Die kaltherzige Prinzessin wie auch Turandot, gibt ihre Angst  vor der Liebe  und einem grausamen Schicksal, wie es eine Ahnin erlitt, letztendlich auf. Verzichtet darauf, seinen Namen, den er ihr freiwillig nannte, zu verraten. Er tat dies nachdem Turandot ihm gestanden hatte, das sie von Anfang an fürchten doch auch lieben würde. Anders als in anderen Fassungen entscheidet sich Kims Turandot gegen die Liebe. Konsequent bleibt sie dabei, sich nie der Liebe und einem Mann hinzugeben. Sie teilt dem Volk mit, dass der Name des Fremden Liebe sei und sticht ihm dann ein Messer in den Rücken. Bleibt sich und ihren Überzeugungen, ganz anders als Liu und doch genauso entschlossen, treu: Keine Liebe, keine Hingabe, nur Unberührtheit und Reinheit.

Liang Li, Guanqun Yu, Chor der Hamburgischen Staatsoper
Alle Fotos Hans Jörg Michel

Asiatische Klarheit zu Pucciniesker Dramatik

Dieses Ende geht eben so unter die Haut, wie Puccinis Musik vom ersten Klang intensiver Akkorde an es in dieser durchkomponierten Oper tut. Neben Lius Arie Signore ascolta und ihrer großen (Todes)szene Tu che di gel sei cinta, Turandots Auftrittsszene In questa reggia und natürlich der Tenorarie Nessum Dorma gilt in diesem Werk Puccinis kompositorische Hingabe ausdrucksstarken, machtvollen Klängen, die das asiatisch dramatische Ambiente verstärken, und großen Chorszenen.

Anna Smirnova, Jürgen Sacher, Daniel Kluge, Roberto de Candia, Seungwoo Simon Yang
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

 Der junge italienische Dirigent Giacomo Sagripanti, vor sechs Jahren ausgezeichnet mit dem Best young Conductor Opera Awards, und das Philharmonische Orchester der Staatsoper Hamburg  ziehen mit ihrer Interpretation in  den Bann, was bei diesem Werk  und seiner Vielschichtigkeit, die über die einschmeichelnden Melodien einer La Bohème oder Tosca hinausgeht, sicherlich  in gewissem Maße  ebenfalls für die ausführenden Musiker gilt, die die zarten, wie auch die machtvollen Passagen eindrucksvoll meistern. Und nicht allein für das Publikum. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper, wie auch der Kinder- und Jugendchor Alsterspatzen überzeugten mit großartigen stimmlichen Leistungen und viel darstellerischem Engagement. Sicherlich nicht verwunderlich nach langer Bühnenabstinenz und Gesang nur aus den Ranglogen heraus.

Daniel Kluge, Roberto de Candia, Seungwoo Simon Yang, Chor der Hamburgischen Staatsoper
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Yona Kim, Christian Schmidt (Bühne). Falk Bauer (Kostüme), Reinhard Traub (Licht), Phillip Bußmann (Video) und Bewegungscoach Ramsis Sigl lassen Chöre und Solisten in einem schnörkellosen, gradlinigen Ambiente in klaren Farben agieren. Die Herren wie auch die Damen des Chors tragen Frack, Weiblichkeit ist auf bescheidene Art nur Liu erlaubt und Turandot erstrahlt in einem blutroten Gewand, das eher Macht und Unnahbarkeit, statt Leidenschaft im üblichen Sinne, ausstrahlt.  Viele Szenen finden auf fast leerer Bühne statt und dann öffnet  sich der Hintergrund, gibt einen Blick auf Palastinneres frei, oder es erscheinen schwarzweiße Videoprojektionen, die militärisch wirken und an die Zeit nach dem ersten Weltkrieg und so die Entstehungszeit der Oper denken lassen. Alles in allem lässt mich persönlich die Art der Szenerie und auch die Regie an sich an asiatische Lyrik denken. An deren strenge Form  die auch von Auslassungen lebt, von Andeutungen, die wenig verraten und so die Zuschauer*innen anregen, eigene Lösungen, Ideen zu entwickeln. Sei es, zu überlegen ob das kleine Mädchen auf der Treppe am Ende des Aktes eine junge und die Greisin im zweiten Akt, die mit Ritualen  beschäftigt scheint, eine gealterte Turandot symbolisieren. Oder auch, warum  Bass-Bariton Chao Deng als Mandarin an einen Zirkusdompteur erinnert und auch teilweise züchtigend und zurechtweisend agiert.

Chao Deng
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Gut besetzte Charaktere und ein wahrer Sieger

Unabhängig von dieser Frage zeigt sich Chao Deng einmal mehr  stimmlich, wie auch durch Ausstrahlung und Bühnenpräsenz, als wahrer Gewinn für das Ensemble der Staatsoper Hamburg, dem er seit der vergangenen Spielzeit angehört. Auch das für bissig zweideutigen Humor zuständige Trio Ping, dargestellt von Bariton Roberto de Candia, und die beiden Tenöre Daniel Kluge  als Pong und Seungwoo Simon Yang, Mitglied des Internationalen Opernstudios Hamburg und Darsteller des Pang, überzeugen einhellig und in jeder Beziehung, da alle auch gesanglich  die Bedeutung dieser Partien unterstreichen. Perfekt besetzt mit Tenor Jürgen Sacher ist die Rolle des Kaisers und Turandots Vater Altoum. Sacher  gelingt es, gleichzeitig die Würde wie auch die Zerbrechlichkeit des hochbetagten Herrschers deutlich zu machen.

Gregory Kunde, Daniel Kluge, Roberto de Candia,
Seungwoo Simon Yang
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Timur, der flüchtige Tatarenkönig und Vater Calafs wird stimmgewaltig von dem chinesischem Bass Liang Li porträtiert, der dieser Rolle Würde und Entschlossenheit verleiht. Besonders beeindruckend ist jedoch die Leistung von  Guanqun Yu als Liu. Ihrem Sopran fehlt es weder  an Sanftheit noch an  anmutiger Strahlkraft, sie weiß ihre Stimme zu modellieren um Emotionen  auszudrücken wie auch zu erzeugen und beeindruckt besonders in Lius letzter Szene mit berührender Intensität.  Anna Smirnova in der Titelrolle scheint  das Publikum  zu begeistern, mir jedoch  gefällt ihre Stimme nicht hundertprozentig, da sie zu viele, der Dramatik schadende Schärfen in den Höhen ausweist. Darstellerisch jedoch entspricht sie mit jeder Faser der sich jedem zärtlichen Gefühl verweigernden und auf ihre Reinheit und Unantastbarkeit bedachten Turandot.

Gregory Kunde, Liang Li, Chao Deng, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Alsterpatzen – Kinder- und Jugendchor der Hamburgischen Staatsoper
Alle Fotos Hans Jörg Michel

Last but not least möchte ich meiner aufrichtigen Bewunderung für Gregory Kundes Calaf  Ausdruck verleihen. Er gehört zu jenen Stars, deren großer Ruf eine Mischung aus freudiger Erwartung aber auch ein wenig Skepsis hervorruft. Doch mit seinem Hausdebüt übertraf er die Erwartungen und zerstreute von Anfang an jeden Zweifel.  Schon mit kleinen Gesten und geringer Mimik weiß er die Bühne  einzunehmen. Wenn er versucht, das Tor, das die vordere Bühne vom Palast trennt, mit Gewalt zu öffnen, ist seine Beherztheit fast greifbar. Seine wachsende Sicherheit und Überzeugung,  die drei Rätsel zu lösen und die Prinzessin zu für sich zu gewinnen, zeigt sich auch in seinem wunderschönen, äußerst kraftvollen und stets sicher geführtem Tenor. Sein Nessum dorma sprüht vor Leidenschaft und  auch Zärtlichkeit. Aus dem wunderbar geschmetterten  Vincero (Ich werde siegen) wurde so ein unumstößliches: Ha vinto! (er siegte).

Fazit: Aber vielleicht sind es in Wirklichkeit nicht der zu Recht umjubelte Gregory Kunde und seine Kollegen, die siegten, sondern die Besucher*innen der Premiere und der schon vergangenen  und noch zu erwartenden Vorstellungen dieser Italienischen Opernwochen,  die zumindest bisher kaum Wünsche offen ließen.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch: 13.03.2022

Links

https://www.staatsoper-hamburg.de/
https://giacomosagripanti.com/
https://gregorykunde.com/
https://guanqunyu.com/
https://www.liangli.de/index.php/de/

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