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Hamburg Ballett – Liliom: Wenn Liebe atmet

Wer  die Wiederaufnahme, oder auch eine frühere Vorstellung, von John Neumeiers Ballett Liliom an der Staatsoper Hamburg besuchte und im, wie stets sehr informativen, Programmheft las,  (er)kannte  den Titel dieses Beitrags zweifellos. Denn ich entlieh ihn einem Interview, das André Podschun 2011 mit John Neumeier führte. Ebenso begeistert wie das restliche, Standing Ovation spendende Publikum, von der Leistung aller Tänzer, allen voran Titelheld Karen Azatyan und Alina Cojocaru in der weibliche Hauptrolle, scheinen mir Neumeiers eigene Worte einfach die passendsten um kurz und knapp   auszudrücken, was dieses Ballett an Emotionen auslöst.

Florian Pohl
Alle Fotos: Kiran West

Mit Spannung erwarte ich nun die  zweite Vorstellung von Liliom, dieses Mal mit Edvin Revazov und Ida Praetorius in den Hauptrollen. Die ehemalige Erste Solistin des Königlich Dänischen Balletts tanzt mit der Julie, nach der für sie kreierten Aurora in Neumeiers Neufassung von Dornröschen, ihre zweite abend- füllende Hauptrolle als  Erste Solistin hier in Hamburg. Ihr Auftritt mag mein größter Beweggrund sein, aber bei weitem nicht mein einziger, ist es mir doch beinahe ein Mantra  zu sagen, dass erst unterschiedliche Besetzungen einen tieferen Eindruck ein und desselben Stückes ermöglichen und Theater erst lebendig machen: Jeder Künstler hinterlässt seine ganz persönlichen Spuren im Stück und beim Publikum. Darum eben freue ich mich so sehr, die Geschichte um Liliom, Julie und ihre Welt noch ein zweites Mal erleben zu dürfen. 

Karen Azatyan
Alle Fotos: Kiran West

Das Ballett basiert auf dem Theaterstück selben Namens von Ferenc Molnár und erzählt die Geschichte des Superstars eines Jahrmarktes, der die Schwärmerei vieler Frauen ebenso genießt wie sein Verhältnis mit seiner Chefin Frau Muskat einer reiferen Frau. Die wahre Liebe aber findet er bei Julie, die auch noch an ihrer Liebe zu ihm festhält als er sie schlecht behandelt bzw. sich nach einem Verbrechen selbst richtet. Im Jenseits wird Liliom gestattet, Julie, und später den gemeinsamen Sohn, zu beobachten und sogar noch ein Mal auf die Erde  zurückzukehren. Neumeier erzählt die Geschichte wie immer mit vielen Zwischentönen und Nebenrollen, so dass es beim zweiten Besuch, abgesehen von der Besetzung, sicher noch viel Neues zu entdecken und zu empfinden geben wird.

Karen Azatyan, Alina Cojocaru
Alle Fotos: Kiran West

Und sei es nur, dass mir die Musik von Michel Legrand, der die Musik als Auftragswerk schuf, beim zweiten Hören vielleicht weniger fremd in den Ohren klingt, da Jazz- und vor allem Bigband/Blechbläser Klänge nicht gerade zu meiner bevorzugten Musik gehören.  Doch es ist unbestreitbar, dass es Legrand gelungen ist, die bewegende Story nicht nur zu untermalen, sondern alle Emotionen und Situationen deutlich  zu machen und mit Neumeiers Choreografie, seiner Lichtregie, den von ihm kreierten Kostümen, Ferdinand Wögerbauers Bühnenbild und den Leistungen  der Tänzer, der NDR Bigband und auch des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg zu einem bewegenden Ballettabend  zu formen,bei dem, durch den Einsatz  der Bigband wie auch eines Akkordeonspielers auf der Bühne,  Lebensfreude und  Träume fördernde Jahrmarktsstimmung nicht zu kurz kommt. Ebenso wenig  wie das selbsterwählte und nicht als solches empfundene Leiden tiefer Liebe (Julie) und die Tatsache, dass man oft aus den richtigen Gründen das Falsche tut (Liliom).

Karen Azatyan, Nicolas Gläsmann, Florian Pohl,
Artem Prokopchuk, Ensemble
Alle Fotos Kiran West

Wögenbauers Bühnenbild  zeigt zu Beginn  und zum Ende den Jahrmarkt Playland so, wie er am Ende der Geschichte ist, verlassen, verkommen, der Weltwirtschaftskrise nach dem 1.Weltkrieg zum Opfer gefallen. Über weite Teile befinden wir uns mitten drin in jenem Ort, der durch das im Mittelpunkt stehende Karussell, eine Achterbahn aus Lichtern im Hintergrund und kleinen, angedeuteten Buden mit den verschiedensten Akrobaten glänzt. Doch es gibt auch einen einsamen Platz mit Bank hinter dem Jahrmarkt sowie die Kulisse des Arbeitsamtes, ein durch einen Küchenstuhl, eine Waschschüssel und einen kargem Hintergrund stilisiertes Heim von Liliom und seiner Julie und eine weiße Wand hinter der Bank mit einem Guckloch aus dem Himmel. Die von Neumeier entworfenen Kostüme unterstreichen die jeweiligen Persönlichkeiten der einzelnen Charaktere. Zum Beispiel ist Liliom  hauptsächliche in Leder gekleidet  und zeigt auch oft seinen wohlgeformten Oberkörper. Julie hingegen ist eher schlicht gekleidet, ein graues Mäuslein im Gegensatz zu all den schicken Frauen, die Liliom  nicht selten lautstark umschwärmen.

Florian Pohl, Alina Cojocaru,
Karen Azatyan, Louis Musin
Alle Fotos: Kiran West

Soweit mein – nicht ganz so kleiner – Appetizer, mein amuse-bouche, um auf dieses bewegende Ballett aufmerksam zu machen. Meine ganz persönlichen, nicht wertenden, Eindrücke über beide, auf ihre Art und Weise sicherlich hervorragenden, Besetzungen folgen nach der zweiten Vorstellung (22.2.22)

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 20.2.2022

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