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Staatsoper Hamburg: Luisa Miller – Liebe, Intrige, Gift und einfach schöne Musik

Am 16. 2. startete an der Staatsoper Hamburg eine weitere Aufführungsserie einer Oper von Giuseppe Verdi nach literarischer Vorlage. Nach Giovanna d‘Arco (1845) gefolgt von I masnadieri (1847) ist seine Luisa Miller (1849), die dritte Oper, die auf einem Werk von Friedrich Schiller beruht. Wie  auch bei Rigoletto zeichnet Andreas Homoki für die Regie verantwortlich, allerdings wird seine bühnentechnisch enorm anspruchsvolle Inszenierung  Pandemie-bedingt nur in halbszenischer Version aufgeführt. Doch was dem Auge vielleicht fehlt, machen vor allem die Musik aber auch die Besetzung Liana Aleksanyan (Luisa), Yulia Matochkina (Frederica), Ramón Vargas (Rudolfo), George Petean (Miller), Alexander Vinogradov (Graf von Walter) und Karl Huml (Wurm) durch, soweit möglich, intensives Spiel und noch intensiveren Stimmeinsatz wieder wett.

Alle Fotos Monika Ritterhaus
(frühere Aufführungsserie)

Normalerweise beginnt die Handlung um Luisa, ihre große Liebe Rudolfo, ihrem liebenden und seinem ein böses Geheimnis hütenden Vater, wie auch dem intriganten, sich als Luisas Bräutigam sehenden Wurm bereits während der Ouvertüre  mit Blitzlichtern der Vorgeschichte. Passend auch zu dem Aufbau des Vorspiels, wird es doch getragen von einem Motiv, das Leid, Schicksal, Intrigen beschreibt und vorwegnimmt. Und  doch stimmen Maestro Paolo Arrivabeni und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg auch ohne optische Unterstützung bereits mit den ersten Tönen auf Verdis vielschichtige, bis auf die Arie Quiando le sere al placido, nicht übermäßig populäre,  aber an eingängig schönen Melodien reiche Klangwelt  und all die Emotionen der Geschichte ein. Stets lassen sie die gesamte Vorstellung über den Sängern Raum, nie übertönt das Orchester die Stimmen.

Alle Fotos Monika Ritterhaus
(frühere Aufführungsserie)

Dieses Mal also  blickte das Publikum  auf einen schwarzen Vorhangprospekt und auch danach war das Bühnenbild von Paul Zoller schlichter als gewöhnlich,  die sowieso nicht mit Dekor überfrachtete Szenerie ist momentan auf ein Minimum reduziert. Trotzdem verlieren  die Gemälde-ähnlichen Momentaufnahmen, die Gideon Davey durch seine  Kostüme und Franck Evin durch seine Lichtregie erzielen, kaum ihre Wirkung. Die Farben sind  überwiegend erdig rot und braun für die Herren und von einem warmen, zarten sonnengelb für Luisa, etwas kräftiger für Gräfin Frederica. Nur der Graf von Walter überstrahlt alle in seinem bodenlangen, reich bestickten herrschaftlichen roten Mantel.

Alle Fotos Monika Ritterhaus
(frühere Aufführungsserie)

Von den übergroßen Bildern in üppigen Rahmen, Symbole, die  oft den Charakter oder  die Handlungsaussage zwischen den Zeilen des jeweiligen Spielortes verdeutlichen, sind nur drei geblieben. Im ersten Akt, der  von Verdi und seinem Librettisten Salvadore Cammarano das Thema Liebe zum Inhalt  bekommen hat, sehen wir einen von watteweichen Wolken durchzogenen Himmel. Im zweiten Akt,  betitelt mit Intrige, der in der Welt der Lügen und Repressalien spielt, mit denen es von Walter und Wurm gelingt Luisa und Rudolfo  zu entzweien, eine Art Fegefeuer. Schließlich vereinigen sich diese Bilder  im letzten Teil zu der Darstellung eines Himmels mit blutroten Wolken, Der Schlussakt trägt die Bezeichnung Gift,der verzweifelte Rudolfo, der statt Frederica,die Braut zu heiraten, die sein Vater für ihn wählte, lieber sich und die vermeidlich nicht ihn, sondern Wurm, liebende Luisa vergiftet.

Auch der Chor  der Hamburgischen Staatsoper agiert nicht wie gewohnt in seinen, der damaligen Zeit angepassten, rein weißen Kostümen auf der Bühne, sondern singt aus den Logen der Ränge, was besonders  auf den Mittleren Plätzen des mittleren Parketts einen besonderen Eindruck hinterlässt. Nur Mezzosopranistin Kady Evanyshyn als Laura und ihr Kollege aus dem hiesigen Internationalen Opernstudio, der Tenor Collin André Schöning, spielten und sangen auf der Bühne neben den sechs Protagonisten und wieder überzeugten sie und bewiesen die positiven Aspekte einer Ausbildungsergänzung durch ein Opernstudio.

Alle Fotos Monika Ritterhaus
(frühere Aufführungsserie)

Als intriganter Schlossverwalter Wurm sprang der australische Bass Karl Huml für den ursprünglich vorgesehenen Alexander Roslavets ein. Humls Wurm. ist nicht, wie der Name es suggeriert, ein verschlagener Kriecher, wie Charles Dickens‘ Uriah Heep. Er wirkt selbstsicher und Luisa gegenüber auf direkte Art zu Gewalt bereit. Was Wurm, zusammen mit Humls ausdrucksstarker Stimme, zu einem dem Grafen von Walter fast ebenbürtig gerissenen Mitverschworenen macht und einen eindrucksvollen Widersacher für Miller, Luisa und Rudolfo.

Der zweite Bass, Alexander Vinogradov, ist von Ausstrahlung, Haltung und Stimme ein wirklicher Grand Seigneur, dem es nie schwerfällt, allein durch sein Auftreten zur Partie passend die Szene zu beherrschen. Wie  in all den anderen Rollen,  in denen Vinogradov hier an der Staatoper Hamburg  zu sehen und  zu hören war, zieht er auch stimmlich völlig in den Bann.  Sein warmes, viel farbiges Timbre besitzt einen besonders hohen Wiedererkennungswert und auch die stetige Sicherheit seiner Stimmführung, die Selbstverständlichkeit mit der er jede gesangliche Schwierigkeit meistert, begeistert.

Auch Yulia Matochkina ist eine beherrscht liebende, beherrscht eifersüchtige Frederica. Ein Eindruck, der aber vielleicht durch das mehr als sonst auf Distanz bedachtes Miteinander zurückzuführen ist. Sie weiß mit dunklem, klarem, volltönendem  Mezzo für sich einzunehmen und gehört damit zu jenen, von denen ich schon, nachdem ich sie nur ein Mal auf der Bühne erleben durfte, hoffe, sie kehre bald nach Hamburg zurück.

Alle Fotos Monika Ritterhaus
(frühere Aufführungsserie)

George Petean, langjähriges  Ensemblemitglied hier am Hause, begeisterte bereits in der Premieren Serie 2014 in der Rolle  Millers, dem Vater Luisas.  Er besticht durch sein unaufdringlich authentisches Spiel, das ihn in jeder Partie glaubhaft wirken lässt. Sei es als Macbeth, als Graf Luna (Il Trovatore, Verdi)  als Giogio Germont in La Traviata oder eben hier als Miller. Millers Szenen, nicht nur die  mit Luisa, die, wie viele Bariton/Sopran  Szenen in Verdi Opern, oft die intensivsten Momente und eigentlichen Höhepunkte sind, gestaltet er mit seinem so warm klingenden Bariton, seinem um Emotionen zu untermalen eingesetzten Vibrato und vor allem auch seinem fast in tenorale Höhen reichenden Stimmumfang zu etwas ganz Besonderem. Möge auch er bald zurückkehren an  das Haus, mit dem er laut eigener Aussage, viele schöne Erinnerungen verbindet, so wie das Publikum sicherlich auch mit ihm.

Ramón Vargas spielt den Rudolfo mit viel Feuer und derselben Intensität wie er ihn auch stimmlich darstellt.. Seine Arie Quiando le sere al placido, sang er mit ebenso viel Zartheit, wie er im Finale leidenschaftliche Verzweiflung glaubhaft zum Klingen brachte. Was macht es da schon, dass er  an diesem Abend  hier und da  nicht kraftvoll sondern eher angestrengt klang? Nicht viel, denn es macht auch die Stars menschlich und kann schon morgen vergessen und ganz anders sein.

Alle Fotos Monika Ritterhaus
(frühere Aufführungsserie)

Liana Aleksanyan in der Titelrolle hatte es, wenn auch nur  zu Beginn, bei jenen (okay, mir), die am Abend zuvor Nadezdha Pavlova als Gilda erleben durfte(n)  und ihren Ausnahmesopran noch im Ohr hatte(n), schwer.  Aber alles in allem ist Aleksanyan eine wirklich hinreißende Luisa, die Rudolfo und ihren Vater über alles und zärtlich liebt, sich, wenn auch leidend, gegen Wurm zu behaupten weiß und besonders im Finale auf allen Ebenen zutiefst berührt.  Ihr Sopran ist von jugendlicher klarer Strahlkraft mit leichten Schärfen in den Höhen aber viel Wärme in den anderen Lagen. Mit Vargas wie auch Petean harmoniert ihre Stimme wunderbar, was die Schönheit der Musik und der Emotionen noch verstärkt.

Fazit:  Es mag tatsächlich noch ein wenig Luft nach oben geben in dieser Vorstellungsserie. Aber es ist  halt lebendiges Theater! Nie gleich, immer spannend, immer neu und immer mal weniger, mal mehr einfach schön! Das Publikum jedenfalls nahm  -wie  angebracht und schön-  mit  seinem Applaus den Sturm, der nun – unschön- draußen tobt,  ein wenig voraus.  Es ist sicher, dass der meteorologische Sturm irgendwann abebbt. Bleibt zu hoffen, dass die Beifallsstürme bald intensiver werden, weil die Theater wieder voller werden dürfen.

Birgit Kleinfeld,(Vorstellungsbesuch,16.02.2022)

Links:
https://www.staatsoper-hamburg.de/
https://alexandervinogradovbass.com/
https://ramonvargas.com/
https://www.lianaaleksanyan.com/
https://karlhuml.instantencore.com/web/home.aspx
https://www.operabase.com/artists/yulia-matochkina-23491/de
https://www.operabase.com/artists/paolo-arrivabeni-13556/de
https://www.operabase.com/artists/george-petean-6065/de



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