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20 Jahre opera piccola – fucking Amal: das zeitlose Leiden der Kleinstadtjugend

Oper speziell für junges Publikum war vor genau 20 Jahren die Idee, die zur Gründung der opera piccola führte. Zur Feier dieses Jubiläums fand am 21.01.2022 auf der zum Theatersaal umfunktionierten Probebühne 1 der Staatsoper Hamburg  die Uraufführung  von Samuel Panderbaynes Jugerndoper Fucking Åmål – Unser kleines Scheißkaff, statt.


Cool oder nicht cool, die ewige Frage

Es geht um die Probleme und Kümmernisse der Jugend in einer schwedischen Kleinstadt. Um die ewige, weder an Nationalität noch ans Hier und Jetzt gebundene, Frage von  Dazugehörigkeit und Selbstfindung.  Da ist Agnes, die sich selbst eine zweifelhafte Superkraft bescheinigt: die Unsichtbarkeit, denn niemand, außer ihrem überfürsorglichen Vater,nimmt sie wahr, am wenigsten Elin, in die sie unsterblich verliebt ist. Auf Agnes‘ verunglückter Geburtstagsparty zu ihrem 16.küsst Elin Agnes im Zuge einer Wette. Elin bemerkt später, dass dieser Kuss und auch Agnes ihr mehr bedeuten, als sie anfangs glaubte, Doch erst nachdem sie sich aus Scham vor den eigenen Gefühlen und der Meinung der anderen mit Johann, der „schon lange scharf“ auf sie ist, auf enttäuschende Weise eingelassen hat, findet sie den Mut zu sich und Agnes zu stehen. Und nach einem gemeinsamen Outing vor allen Freunden/Mitschülern, entfliehen die beiden der Enge der Provinz in Richtung Stockholm.

Peter Gaillard, Kady Evanyshyn
Alle Fotos: Hans Jörg Michel



Fantasievolle Atmosphäre auf kleinem Raum

Das Produktionsteam Alexander Riemenschneider (Regie), David Hohmann (Bühne), Lilli Wanner (Kostüme) und Philipp Kronenberg (Video) zauberten mit viel Fantasie und Einfühlungsvermögen auf wenig Raum eine  authentische,fast zeitlose Atmosphäre, was sicher auch an den rechtfreizügigen Texten liegt. Riemenschneiderdann gelingt es, die Akteure auf unaufgeregte, echt wirkende Art agieren zu lassen, so dass jeder Zuschauer sich, inwelchem Lebensalter auch immer, wiederfinden kann.

Es gibt zwei nach allen Seiten offene, dreh- und rollbare kleine Bühnen, die die Zimmer der Schwestern Jessica und Elin beziehungsweise Agnes‘ darstellen, wie auch eine noch kleinere: Das Schulklo, Ort des befreienden Outings. Die Kostüme lassen mich in Farbe und Stil irgendwie an die Moderevolutionärin Mary Quant denken: Kleider in grellen, kontrastierenden Farben und eher einfachen Schnitten.

Larissa Wäspy. Nicholas Mogg, Ensemble
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Philipp Kronenberg ist der Mann am Zeichentablett, der in Weiß auf schwarzen Hintergrund die Emotionen der Darsteller sichtbar macht und untermalt. Eine kreative Art, die auch   Bösch, wenn auch nicht live, bei seinen Produktionen Manon und die Entführung aus dem Serail benutzt und die ein wirklich eindrucksvolles Ausdrucksmittel ist. Schön finde ich auch die Idee, dass er durch kleine Gesten von Elin und Agnes in das Stück einbezogen wird. Und überhaupt gibt es hier und da unauffällige, aber für die Handlung wichtige, kleine Szenen am Bühnenrand und im Halbdunkel.

Auch „nur“ mit Klavierbegleitung gelungen

Die Oper basiert auf dem gleichnamigen schwedischen Film aus dem Jahre 1998 und ist, wie erwähnt, ein Projekt speziell für Jugendliche ab 14 Jahren. DasWerk musikalisch zu beurteilen ist nach dem Besuch dieser Vorstellung nur eingeschränkt möglich, da die Vorstellung aufgrund von Krankheitsfällen im Felix Mendelssohn Jugendorchester und des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg die musikalische Begleitung mit Klavier und Percussion unter der Leitung von Ingmar Beck stattfand. Panderbayne vertraut bei seiner Oper auf eine Mischung aus Dialogen, Sprechgesang, Popklängen und auch klassischen Operngesang und musikalischen Motiven, die wie Leitmotive einen großen Wiedererkennungswert haben. Auch hier gibt es eine besondere Idee. Denn in einer Szene fordern Elin und Agnes  erst den Zeichner auf, ihnen eine Straße zu zeichnen, an der sie als Anhalter stehen können und bitten dann den Dirigenten, vorbeifahrende Autos für sie zum Klingen zu bringen.

Katja Piewck. Larissa Wäspy
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Wie ein Throw back in eine noch nahe Jugend

Sämtliche Darsteller vom Chor der Freunde und Mitschüler der Protagonisten, dargestellt von Mitgliedern des The Young ClassX Ensembles, bis hin zu den beiden Hauptdarstellerinnen Larissa Wäspy (Elin) und  Kady Evanyshyn (Agnes) sind mit Feuereifer bei der Sache. Naja, bei den meisten liegt ja die Jugend und ihre typischen Probleme nicht all zu lange zurück. Und Katja Pieweck als Mutter von Jessica und Elin, wie auch Peter Gaillard als Vater von Agnes sind die einzigen Darsteller reiferen Alters und damit jene, die die Kümmernisse des Erwachsenwerdens von zwei Perspektiven aus kennen. Gaillard berührt und überzeugt durch die  auch stimmstarke, humorvolle  Darbietung seines Geburtstagsständchens für die geliebte Tochter. Es gibt keine anderen Worte als peinlich, doch herzig, für seine einfühlsame Darstellung. Und auch Katja Pieweck weiß die Liebe und Sorgen einer Mutter glaubwürdig und gefühlvoll zu vermitteln.

Besondere Hochachtung verdient  die junge Sopranistin Lini Gong als Viktoria, der Agnes die (vorgetäuschte) Freundschafft entzog, was sie zu Lügen und Intrigen verleitet. Gong sprang für ihre erkrankte Kollegin MarieDominique Ryckmanns ein, sah die Noten zum ersten Mal am Abend vor der Aufführung und füllte die Rolle  in jeder Beziehung wirklich gut aus.

Herrlich und amüsant auch die beiden jungen Herren Markus und  Johan. Der eine der Hengst der Clique, der andere der Nerd. Hubert Kowalczyk lässt als  Markus seine körperlichen Muskeln fast so erfolgreich spielen wie  die seiner Bassstimme und ich bin sicher, nicht nur ich hatte, dank seiner Darstellung, den einen oder anderen Markus aus meiner Jugend vorm inneren Auge.
Für Nicholas Mogg gilt ähnliches. Sein schüchterner, so sehr verliebter, Johan lässt schmunzeln und erweckt gleichzeitig Mitleid. Seine Art hier sein darstellerisches und gesangliches Potential zu zeigen.

Kady Evanyshyn
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Ida Aldrian, die wir ebenfalls schon oft  auf der großen Bühne erleben durften, gelingt es mühelos  als Jessica deren  (aufgesetztes?) Selbstbewusstsein und ihr Dilemma deutlich zu machen. Denn eigentlich findet sie den scheuen Johan ganz süß, doch sie ist mit Markus  zusammen. Warum? Weil,- so ihre eigenen Worte,  -weil sie nun einmal mit ihm zusammen ist.

Larissa Wäspy und Kady Evanyshyn  haben keine Schwierigkeiten jede kleinste Nuance der emotionalen Entwicklungsstufe der beiden Protagonistinnen darzustellen. Ihre Sehnsüchte, ebenso wie ihre Zweifel. Sie erwecken beide ihre Figuren überzeugend zum Leben und schaffen es sicher, ein winziges Bisschen dazu beizutragen, dass Jugendliche, die dieses Stück sehen, etwas mehr Mut fassen, zu sich selbst zu stehen. Wunderbar wie Wäspy, mit Stimme, Gesten und Spiel, sichtlich Elin in knapp 1,5 Stunden von einem Möchtegern-Partygirl zu einer Liebenden verwandelt wird, die mit ihrer Liebsten nach Stockholm flieht. Diese Liebste, Agnes wird gespielt und wunderschön gesungen von Kady Evanyshyn. Agnes‘ Freude, ihre Leiden, ihre Stärke, die sie auch dank Elins Liebe gewinnt, all das scheint die junge Sopranistin  zu leben. Für mich zumindest  verließen Agnes und Elin Hand in Hand die Bühne und nicht Kady und Larrisa.

Larissa Wäspy. Kady Evanyshyn
Alle Fotos: Hans Jörg Michel

Fazit: Ich kann jedem, der ein Kind im jugendlichen Alter hat, das auch nur ein wenig Interesse an klassischer Musik hat, diese Vorstellung wärmstens empfehlen. Ich glaube, ein privater Besuch kitzelt die Begeisterung noch etwas mehr heraus als ein Besuch mit Klassenkameraden vor denen man  cool sein muss.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 25.01.2022

Links

https://www.staatsoper-hamburg.de/
https://www.ingmarbeck.de/
https://www.davidhohmann.de/
https://philippkronenberg.de/
https://waespy.net/
https://www.kadyevanyshyn.com/
https://www.idaaldrian.at/
https://theyoungclassx.de/
http://lini-gong.de/

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