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Staatsoper Hamburg: Nabucco – Ein Abend der Tiefen Stimmen

Giuseppe Verdis Oper Nabucco beendete als konzertante Aufführung die 3G-Regelung für Besucher des Hauses an der Dammtorstraße. Von nun an wird es für Genesende und Geimpfte wieder angenehmer  zu genießen, was es zu genießen gibt. In  dieser Aufführung zeichnen vor allem der Bass Alexander Vinogradov als Zaccaria und Andrzej Dobber in der Titelrolle verantwortlich für die  Freude an Verdis unsterblicher Musik.

In der Stückeinführung, die ich ausnahmsweise einmal adaptiere, heißt es: Jerusalem ist besetzt, der jüdische Tempel zerstört, das hebräische Volk ins verfeindete Babylon verschleppt. Im babylonischen Exil geht der Kampf weiter, um Land, Glauben und die Freiheit des jüdischen Volkes. Machtgier lässt den Babylonierkönig Nabucco nach gottgleicher Herrschaft streben. Mit Wahnsinn gestraft, lässt ihn die Liebe zur eigenen Tochter Erlösung finden…

Alle Fotos: Brinkhoff/Mögenburg 2018/2019

Der Regisseur der szenischen Umsetzung dieses Werkes, Kirill Serebrenniko, stand während der Proben unter Hausarrest in seinem Heimatland, so dass die Inszenierung nicht auf Probebühnen, sondern via Videokonferenzen erarbeitet wurde. Das Ergebnis ist eine Inszenierung die polarisiert, nimmt sich Serebrenniko doch des Syrienkrieges und der Flüchtlinge an, baut werkuntreu traditionelle Melodien ein, bedient  sich Bildern und Videosequenzen aus damaligen Reportagen und lässt  Va Pensiore von Menschen singen,  die ihre Heimat wirklich verloren haben und hier auf einen Neuanfang hoffen.  Die Idee, für  diesen Zweck einen Chor zu gründen, ging auf und ich bin auch jetzt noch sicher, nur die wahren Puristen konnten sich der Emotionalität dieses Augenblicks entziehen.

Alle Fotos: Brinkhoff/Mögenburg 2018/2019

All diese wirklich beeindruckend intensiven Eindrücke fallen bei nicht szenischen Aufführungen natürlich weg. Statt dessen sehen wir uns, nach einer gefühlten Ewigkeit, dem gesamten Chor der Hamburgischen Staatsoper gegenüber, ganz in Abendgarderoben-Schwarz gekleidet mit den Noten in den Händen, was ein wenig ablenkend wirkt, der Leistung der Sänger*innen aber keinen Abbruch tut. Sie unterstreichen und beweisen mit ihrem Gesang, dass Verdi ein Meister großer Chorszenen war. Was sich nicht nur auf den hier professionell, aber nicht weniger gefühlvoll, vorgetragenen Gefangenenchor bezieht.
Auch dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Paolo Arrivabeni, einem Spezialisten für Komponisten wie Verdi, Donizetti und Rossini, gelingt es über weiteste Strecken, Verdis eingängigen Melodien, je nach dem, Kraft, Leichtigkeit oder auch, durch geschickte Instrumentation und Stimmbesetzung, Tiefe  zu verleihen.

Alle Fotos: Brinkhoff/Mögenburg 2018/2019

Bei den Solisten in den unterstützenden Partien sticht  Bass Martin Summer als Oberpriester des Baal hervor. Der junge Österreicher verfügt über ein voll und warm tönendes Organ und gibt auch gestisch und mimisch Gehalt und Gewicht. Die Sopranistin Tahnee Niboro macht in der recht kleinen Rolle der Anna doch neugierig auf die weiteren Partien, in denen sie noch eingesetzt werden wird.  Der Tenor Seungwoo Simon Yang (Abdallo) ,Gewinner verschiedener Preise und seit der vergangenen Spielzeit Mitglied des Internationalen Opernstudios, hat einen wirklich schönen, gutgeführten Tenor, der auf weitere Aufgaben wartet.

Der zweite Tenor an diesem Abend, Piotr Buszewski überzeugt als Ismaele vor allem durch jenen  Schmelz in der Stimme, der ihn prädestiniert für all jene Partien, in denen mehr als nur einige gut und sicher platzierte Spitzentöne  von ihm gefragt sind und er auch darstellerisch mehr aus sich herauskommen kann, als in einer konzertanten Aufführung mit szenischen Elementen.

Alle Fotos: Brinkhoff/Mögenburg 2018/2019

Aigul Akhmetshina als Fenena besticht  durch ihren warmen Mezzosopran und eine große Ausstrahlung durch kleine Gesten und erzielt durch beides große Wirkung.
Kleine Gesten sind hingegen ihre Sache nicht: Oksana Dyka,  die schon in der szenischen Fassung die Abigail sang, mit Drama bis in die Fingerspitzen, weiß sie mühelos den Bühnenraum, metaphorisch gesprochen, ganz für sich einzunehmen. Auf diese Weise ist sie eine wahre Verdi-Heroine, zumal auch ihre Stimme vor Größe und Kraft geradezu strotzt. Und dennoch, nicht nur wegen ihrer manchmal hörbaren Schwierigkeiten,  von der Höhe klar und sicher in die Tiefen zu wechseln, gehört sie zu den Sängern mit deren  Stimmfarbe und Gesangstil ich mich (zumindest an diesem Abend) nicht wirklich anfreunden konnte.

Oksana Dyka
Alle Fotos: Brinkhoff/Mögenburg 2018/2019

Alexander Vinogradovs (Zaccaria) erster Auftritt jedoch gleich zu Beginn der Oper genügte schon, um den Abend als gut zu empfinden. Er wechselt einfühlsam und ohne Schwierigkeiten zwischen den Tonlagen, klingt immer sicher und ausdrucksvoll, nimmt einfach allein schon durch die Schönheit seiner Stimme für sich ein. Wie schön, dass er noch als Il Conte di Walter (Luisa Miller) und als Komtur (Don Giovanni) zu hören und sehen  sein wird. Hier jedenfalls  hatte er  mit Recht die Gunst des Publikums ganz und an erster Stelle auf seiner Seite.

Dicht, und  mit eben solchem Recht an Applaus und Anerkennung, gefolgt von Titelheld Andrzej Dobber. Wo sie zusammen singen, harmonieren Dobber und Vinogradov wunderbar, klingen über den Chor hinweg. Zu Anfang wirkte Dobbers Stimme noch  etwas belegt, schien er unter seinem sonstigen Niveau zu bleiben. Doch  dies änderte sich noch im ersten Teil und als gebrochener und dann reumütiger Monarch hatte er es wieder, dieses Charisma in seiner einschmeichelnden Bariton Stimme, und auch sein Spiel gewann noch weiter an Intensität.

Alexander Vinogradov
Alle Fotos: Brinkhoff/Mögenburg 2018/2019

Fazit: Ja, es war schon ein guter Abend und das anklingende „aber“ kann  ich nicht in Worte fassen, vielleicht fehlte mir persönlich doch die Intensität der Szenerie. Vielleicht aber braucht es noch ein wenig mehr von jenem Funken, der überspringen muss um  mein „aber“ im Keim zu ersticken. Doch nicht dieses „aber“: Aber ich bin der wirklichen Überzeugung, der Erfolg dieser Serie wird sich noch intensivieren.
Denn eines steht fest: Verdis Nabucco (Uraufführung 9. 3. 1842) der dessen, wie er es selbst nannte, Galeerenjahre eröffnete (er war gezwungen mehr oder weniger eine Oper nach der anderen zu schreiben) wird die musikalische Faszination nie verlieren.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 31. 10 .2021

Links:

https://www.staatsoper-hamburg.de/
https://www.staatsorchester-hamburg.de/
https://www.operabase.com/artists/paolo-arrivabeni-13556/de
https://www.operabase.com/artists/piotr-buszewski-99087/de
https://www.operabase.com/artists/andrzej-dobber-1086/de
https://alexandervinogradovbass.com/
https://www.operabase.com/artists/oksana-dyka-13309/de
https://www.operabase.com/artists/aigul-akhmetshina-31905/de
https://www.martinsummer.at/
https://www.operabase.com/artists/seungwoo-simon-yang-112611/de
https://www.operabase.com/artists/tahnee-niboro-32968/de

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