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Von den Blüten und Dornen der Liebe

Die neue Produktion von Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail an der Staatsoper Hamburg stand zeitweise unter keinem guten Stern. Knapp drei Wochen vor der Premiere am 17.10. 2021 gab es einen Regiewechsel. David Bösch, bereits verantwortlich für die Produktionen Manon (Großes Haus) und  Die weiße Rose (Stream) übernahm und zauberte zusammen mit Patrick Bannwart, Falko Herold (Ausstattung, Video) und Bernd Gallasch (Licht) etwas wirklich Sehenswertes und Unterhaltsames auf die Bühne. Die vorab zu sehenden Bilder, die skeptisch machten, beweisen ein Mal mehr, dass der erste Eindruck nicht immer der richtige ist.

Mit seinem Werk, das er im Auftrag Kaiser Josephs II verfasste, festigte Mozart seine Stellung in Wien, denn von der Ur-Aufführung an (16.7.1782, Burgtheater, Wien)  erfreute sich das Nationalsingpiel, Gegenstück zur italienischen Hofoper, großer Beliebtheit. Unterhaltsam, aber doch auch mit ernsten Zwischentönen, erzählt Mozart anhand des Librettos von  Johann Gottlieb Stephanie die Geschichte von Konstanze, Blonde und Pedrillo, die bei einem Seeräuberüberfall von Belmonte, dem Verlobten Konstanzes, getrennt und von Bassa Selim gefangen genommen wurden. Selim wirbt vergeblich um Konstanze, sein Aufseher Osmin hat mit seinen Annährungsversuchen bei Blonde ebenso wenig Erfolg, liebt diese doch Pedrillo. Belmonte gelingt es die drei zu finden, anfangs schlägt der Fluchtplan fehl, da er entdeckt wird. Doch dann entscheidet der Bassa, dass er Laster nicht durch Laster tilgen will und schenkt den Vieren die Freiheit.

Michael Laurenz, Ante Jercinka
Alle Fotos: Jörg Landsberg

Bösch und Team stellen uns die Personen und die Vorgeschichte in einem aus teilweise animierten Zeichnungen bestehenden Video vor, humorvoll und im Einklang mit der Musik der Ouvertüre. Zuvor jedoch hält Bassa Selim eine Ansprache über die Liebe. Nicht nur dadurch erhält seine Rolle mehr Gewicht, denn seine unerwiderte Liebe zu Konstanze spielt eine große Rolle, und doch bleibt die Frage offen ob er wirklich kein Tyrann ist. Osmin erinnert in  Lederjacke und Jeans an einen  Beil schwingenden Türsteher/Zuhälter eines  eindeutig zwielichtigen Etablissements, Blonde ist eine kecke selbstbestimmte Punkerin, Predillo  ein, wie man jugenddeutsch  ja wohl sagt, cringer (nerdiger) Blumenfreak mit grünem Daumen. Konstanze sticht hervor durch ihr Brautkleid und Belmonte wirkt ähnlich normal-spießig in seinem edlen Anzug. Die Bühne selbst ist recht karg nur mit einigen Matratzen, einem kleinen Blumentopf mit Rose und einem Sofa bestückt. Ihren optischen Charme schöpft diese Produktion aus vielen fantasievollen Videoprojektionen.

Sie zeigen die Paare und ihre Zuneigung, ihr Schicksal, illustrieren die Arien und machen auch immer wieder auf Bassa Selims Seelenzustand aufmerksam. Es ist sicher so, dass sich skizzierte Zeichnungen schneller herstellen lassen als echte Bühnenbilder, doch was in einer Notsituation entstanden ist, wirkt ganz und gar nicht wie ein Notlösung, sondern frech, frisch und unterhaltsam. Es gibt so viele kleine Ideen, die auch eine Sprache  hinter der Szene sprechen. So drückt Blonde Osmin einmal einen Staubsauger in die Hand, den dieser auch benutzt. Dann entwendet sie ihm den Gürtel mit dem er sie schlagen will und droht ihn damit. Auch die Beziehung zwischen Bassa Selim und Konstanze ist von vielen subtilen oder auch großen, vielsagenden Gesten geprägt, die immer wieder seine Zerrissenheit zwischen Liebenden und Beherrschenden deutlich machen.

Burghart Klaußner, Tuuli Takala, Ante Jerkunica, Chor
Alle Fotos: Jürgen Landsberg

Rote Rosen, das Symbol leidenschaftlicher Liebe wirken wie ein optisches Leitmotiv: Sie entfalten sich und erblühen wenn Pedrillo  Dünger versprüht, verdecken immer wieder die Bilder, werden Konstanze von Bassa ständig hinterhergetragen. Die reine Liebe zwischen Konstanze und Belmonte, die zum Schluss bereit sind sich für den jeweils anderen zu  erhängen, ist es die Bassa letztendlich überzeugt, dass er verloren hat und es ein größeres Vergnügen ist, Ungerechtigkeit mit Wohltaten zu vergelten.

Auch musikalisch ist diese Aufführung ein reines Vergnügen. Adam Fischer gehört ohne Zweifel zu jenen Dirigenten, denen es gelingt auch jenen, die, wie ich, eine eher indifferente Haltung zu diesem Stück haben, die wahre Schönheit und Vielfalt dieser Oper  zu offenbaren.  Die selbstverständliche Leichtigkeit  mit der Fischer das fantastisch disponierte Philharmonische Staatsorchester Hamburg und auch die Sänger durch den Abend führt, verleitet dazu, sich ganz den Klängen hinzugeben,  auf jedes Detail, jeden Akzent zu lauschen und es zu genießen. Wunderbar!

Der Klang von Burghart Klaußners Stimme hingegen, seine eher rezitierende Sprechweise, passt nicht wirklich zu seiner intensiven Körpersprache und Spielweise. Man mag ihm seine hehren Worte nicht glauben. Doch vielleicht ist das Absicht, dient dazu die widersprüchliche  oder zumindest nicht klar einzuordnende Persönlichkeit Bassa Selims zu verdeutlichen.

Ante, Jerkunica, Narea Son
Alle Fotos: Jürgen Landsberg

 Der kroatische Bass Ante Jerkunica ist so ganz anders als die eher behäbig hinterhältigen Osmins  in klassischen Inszenierungen. Er ist dünn, groß, ungestüm  und genau die Art von harter Junge, die bestimmte Frauentypen so gerne bekehren würden. Er hat nichts auf alberne Weise Belustigendes an sich, doch ein wenig augenzwinkernde Selbstironie scheint schon hindurch. Auch stimmlich überzeugt er ganz und gar durch einen großen Stimmumfang und Klarheit in jeder Lage. Seine Auftrittsarie Wer ein Liebchen hat gefunden zeugt genauso von Melancholie, wie Ach wie will ich triumphieren geradezu von Wut  und Mordlust.

Michael Laurenz ist, – verzeihen Sie den Ausdruck- ein wirklich herziger Pedrillo, wie er dessen Hingabe zu Blonde wie zu Pflanzen darstellt, sich selbst Mut macht es mit Osmin aufzunehmen und vieles mehr, macht einfach Freude. Und seine Romanze im dritten Akt, die an die Umgebung angepasst nicht In Mohrenland sondern An Nordens Strand gefangen war heißt, zeugt von der Schönheit seines Tenors und auch in den Duetten  und Ensemblenummern weiß er zu überzeugen.

Dovlet Nurgeldiyev, Tuuli Takala, Narea Son, Michael Laurenz
Alle Fotos: Jürgen Landsberg

Narea Son zeigt sich hier von ihrer kecken Seite, ihre Blonde sprüht vor Selbstsicherheit, Sexappeal und Temperament in Darstellung und Gesang. Bei Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln schafft sie mühelos den Schritt von sanftem Gurren  zu energischer Klarstellung (Doch mürrisches Befehlen, und Poltern, Zanken, Plagen) und zurück. Gut, anfangs haben ihre Koloraturen eine leichte Schärfe, aber schnell  findet sie zu ihrer üblichen Sicherheit zurück und begeistert durch ihr Spiel, ihre schöne Stimme und vor allem auch durch die fröhliche Leichtigkeit mit der sie uns Welche Wonne, welche Lust entgegenschmettert.

Martin Mitterrutzner, der für den  in dieser Rolle erwarteten, doch erkrankten, Dovlet Nurgeldiyev einsprang, hat einen lyrischen und doch kraftvollen Tenor, weiß ihn zu modellieren und beherrscht die sanften Töne  ebenso  wie die lauteren, und die Höhen klingen eben so sicher wie die Mittellage. Auch  darstellerisch zieht er viele Register, weiß zu schmeicheln, zu drohen und Verzweiflung zum Ausdruck  zu bringen. Seine Arien Hier soll ich dich denn sehen und Konstanze, dich wiederzusehen, berühren und zeugen ähnlich wie das Duett Welch ein Geschick! O Qual der Seele von seiner Kunstfertigkeit.

Burghart Klaußner, Tuuli Takala, Ante Jerkunica
Alle Fotos: Jürgen Landsberg

Die aus Helsinki stammende Sopranistin Tuuli Takala komplettiert als sehr ätherische Konstanze das  wunderbare Sängerensemble. Man glaubt ihr mit jeder Geste und jedem Ton, dass sie lieber sterben als sich Bassa Selim hingeben würde. Jeder Ton sitzt sicher und ausdrucksvoll,  nicht nur  bei Ach ich liebte, war so glücklich, und ihre Leistung  findet  in der großen Szene mit Bassa Selim Welcher Wechsel herrscht in meiner Seele – Traurigkeit ward mir zum Lose/Matern aller Arten ihren Höhepunkt.

Fazit:  Ein  wirklich sehens- und hörenswerter Abend, der, nachdem er gebührend umjubelt wurde, ein zufriedenes, gut unterhaltenes aber auch zum Nachdenken angeregtes Publikum aus dem Saal entließ.

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 23.10.2021

Links:

https://www.staatsoper-hamburg.de/

https://www.staatsorchester-hamburg.de/

https://www.adamfischer.at/

https://burghart-klaussner.de/

https://de.nareason.com/

https://www.martinmitterrutzner.com/

http://www.michaellaurenz.net/

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