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Die bewegende Energie von Beziehungen

Die opera stabile der Staatsoper Hamburg ist Garant für leider nur einmalige Produktions-Serien auf kleinem, ja intimem Raum, der eine besondere Nähe  zu  den Akteuren erlaubt. Hier finden Arbeiten des Opernstudios, experimentelle Abende wie  einst Ring und Wrestling und eben auch die beiden diesjährigen Programme Junge Choreografen statt. Hier zeigen  die Tänzer*innen des Hamburg Balletts sich von ihrer schöpferischen Seite, lassen andere für sich tanzen.

Der hier besprochene Teil Programm 1 zeigt Arbeiten der Ersten Solisten Edvin Revazov und Aleix Martinez, dem Solisten Florian Pohl, wie auch den Ensemble Mitgliedern Alice Mazzasette und Lasse Caballero. Die Überschrift des begleitenden Textes im Programmheft lautet Energie und Bewegung, doch enger gefasst geht es um die Energie von Beziehungen: Bewegung im übertragenen Sinne durch Bewegungen des Tanzes. Alle fünf Stücke erzählen auf ihre Art eine Geschichte,  zeigen was die jeweiligen Schöpfer beschäftigt, inspiriert und ja- bewegt.

„Alla Vita“ von Alice Mazzasette
Torben Seguin, Madeleine Skippen
Alle Fotos Kiran West

Die junge Hamburgerin Alice Mazzasette benutzt für ihr Stück Alla Vita das Lied Ausschwitz von Fransesco Guccini.  Es beginnt damit, dass die wirklich bezaubernde Madeleine Skippen, die Bühne betritt in dem sie einen Zug imitiert und sich auf die Bühne setzt. Dann tanzt Torben Seguin für sie,  deutet Gitarrenspiel an,  bis endlich aus der Zuschauerin eine Mitspielende, Mittanzende wird.  Sie leiden zusammen ohne je des Lebens wirklich müde zu werden. Sie berühren durch Anmut und starke Ausdruckskraft, so dass die Botschaft Mazzasettes  „an das Kind in Jedem von uns und darauf, dass es ewig spielen möge und lache“ das Publikum mühelos erreicht. Trotz des ernsten, erschreckenden Themas zaubern die drei so ein, wenn auch wehmütiges, Lächeln auf die Gesichter.

„Miss Julie“ von Edvin Revazov
Anna Laudere
Alle Fotos Kiran West

Dieses Lächeln der Melancholie weicht tiefer Berührung wenn Anna Laudere, Emilie Mazon und Lennard Giesenberg  Edvin Revazovs Interpretation von August Strindbergs Drama Miss Julie darbieten. Zu verschiedenen Werken des lettischen Komponisten PēterisVasks entwickelt Revazov die Geschichte dreier ganz unterschiedlicher und doch von einander abhängiger Charaktere.Da ist die einsame, reiche Julie, die  ihre Stellung benutzt um sich ihren Diener(Jean) gefügig zu machen, zerstört seine bestehende Beziehung (zu Kristin). Dann kehrt sich das ganze langsam um, kurze Zeit scheint die Liebe gleichberechtigt, doch dann  wird aus dem einstigen Diener der Mächtige. Und letztlich sperrt er Julie zurück in den beengten Käfig ihrer Einsamkeit. Seine letzte Geste setzt dem Ganzen das i-Tüpfelchen der Grausamkeit auf: Wie es sich für einen gute Untergebenen gehört verbeugt er sich vor Julie.

„Miss Julie“ von Edvin Revazov
Anna Laudere, Emilie Mazon, Lennard Giesenberg
Alle Fotos Kiran West

Anna Lauderein der Titelrolle gelingt es mit jeder Bewegung, jeder Geste und sogar jedem Wort die Zuschauer*innen mitfühlen zu lassen. Sie macht Julies Entwicklung von arrogant-überlegen bis verzweifelt auf faszinierende Weise spürbar. Doch weder Solistin Emilie Mazon noch Lennard Giesenberg, Mitglied des Bundesjugendballetts, stehen ihr in ihren Leistungen nach. Werde ich nicht müde, Lauderes Ausstrahlung ätherisch  zu nennen, so hat Mazon viel von dem mädchenhaften Charme ihrer Mutter Gigi Hyatt geerbt. Sie vereint Zerbrechlichkeit mit der Stärke zu körperlicher Ausdruckskraft. Sie, wie auch Laudere, zeigen in einer guten halben Stunde, dass das Hamburg Ballett auf Tänzer-Darsteller setzt und nicht auf klassische  Ballerinen allein. Auch Giesenberg weist diese Attribute bereits auf. Sein Jean zieht absolut in den Bann, durch Bewegungssprache wie Gestik. Er beherrscht die Kleinigkeiten, die viel bewirken, fast ebenso wie seine beiden Partnerinnen. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir ihn ja bald auf der großen Bühne, mit diesen beiden Damen. Und auch irgendwann in einem abendfüllendem Revazov- Ballett?

„Fusion“ von Lasse Caballero
Alice Mazzasette, Ricardo Urbina
Alle Fotos Kiran West

Lasse Caballeros Ballett Fusion wird getragen von der Idee, dass zwei Elemente aufeinander treffen und sich verändern, so dass die Möglichkeit  für etwas Neues entsteht. So in etwa drückt der junge Tänzer und Choreograf es aus. Ohne dies gelesen zu haben erwecken Alice Mazzasette und Ricardo Urbina den Eindruck, es ginge um antike Gottheiten, Feenwesen oder auch einfach um weibliche wie männliche Energie. Die Musik ist weitgehend elektronisch und auch elektrisierend. Urbinas Part scheint erdgebunden, er beeindruckt dadurch, dass er sich auf relativ geringem Raum bewegt, während Mazzasette, die gesamte Bühne nutzend, fast ätherisch um ihn kreist bis beide  zu Einem zu werden scheinen.

„Bunker“ von Aleix Martínez
Yaiza Coll
Alle Fotos Kiran West

In Bunker, dem Werk von Aleix Martinez, dreht sich auch alles um begrenzten, beengenden Raum. Auch Martinez setzt auf verschiedene Komponisten und Klänge. Klänge, die verwirren und auf bedrückende Weise berühren. Sein Ensemble, bestehend aus Yaiza Coll, Charlotte Larzelere, Hayley Page, Madeleine Skippen, Ida Stempelmann, Borja Bermudez, Marc Jubete und Emiliano Torres, erscheint als eine Gruppe von durch eine Art Weltraummensch ferngesteuerte Wesen, die eher an Zombies als wirklich an Menschen erinnern. Sie, sonst nicht ausschließlich doch hauptsächlich an fließende, der Schönheit dienende Bewegungen gewöhnt, verkrampfen ihre sonst biegsamen Körper, reißen die Münder zu stummen Schreien auf. Man kann sich dem kaum entziehen. Hier und da flüchtet jemand in ein kurzes, doch hörbares Lachen um die Spannung loszuwerden, der Martinez und seine Tänzer, besonders die hervorragende Yaiza Coll, uns aussetzen.

„Vortex“ von Florian Pohl
Madoka Sugai, Florian Pohl
Alle Fotos Kiran West

Mit Vortex, dem letztem Stück des Abends, gelingt es Florian Pohl uns zurückzuholen aus der Traurigkeit. Zu der Musik  Great Day von Senking wirbelt Pohl Madoka Sugai wortwörtlich um sich selbst und über die Bühne, erzeugt so Erleichterung und Leichtigkeit. Man ist wie gefangen von Pohls  schier unbändiger Kraft und noch mehr von  der Körperbeherrschung, Anmut und Freude, die Madoka Sugai, Erste Solistin des Ensembles, ausstrahlt. Sie weiß einfach zu begeistern, egal in welcher Rolle.

Welch schöner Abschluss für einen Abend, der neue Bewegungsmuster oder alte im neuen Zusammenhang zu verstehen und genießen lehrt und  all den Jubel, der aufbrandete, verdient!

Birgit Kleinfeld (Vorstellungsbesuch: 23.10.2021)

Links:

https://www.hamburgballett.de/

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