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Hamburg Ballett – Sylvia: Von der Freude an Unterschiedlichkeit

Wann immer ich Freunden oder Bekannten erzähle, dass ich mir in der Oper ein Stück anschaue, dass ich bereits sah, kommt von irgendjemandem der Einwurf: „Aber das kennst du doch schon!“
Nach meinem zweiten Besuch von John Neumeiers Ballett Sylvia von Léo Delibes in der Staatsoper Hamburg kann ich das nur verneinen. Oder zumindest mit einem „Nicht wirklich.“ beantworten. Wissen Sie, nach meinem Besuch am vergangenen Sonntag schrieb ich den ersten Teil dieses Berichtes, ließ Sie sehen, wie ich den Inhalt verstehe. Doch gestern merkte ich, dieser Bericht war nicht mehr als eine schriftlich festgehaltene Momentaufnahme. Soviel mehr   und anderes habe ich bei meiner zweiten Vorstellung entdeckt –Kleinigkeiten, die mir beim ersten Sehen nicht  auffielen. Zusammenhänge zwischen Musik und Bewegungen wurden mir bewusst(er),Eindrücke, die ich noch nicht in Worte fasste, vertieften oder veränderten sich. Dies lag, wie man es so schön nennt, zum Teil an meiner Tagesform, zum anderen aber auch an den unterschiedlichen Besetzungen: Sie erzählen ein und dieselbe Geschichte, beide schön und doch so anders.

Wie berichtet ist Delibes Ballett die Geschichte der Nymphe/Jägerin Sylvia, der Favoritin der Jagdgöttin Diana. Der Schäfer Arminta, der in den Hain der Diana gelangt, verliebt sich in Sylvia, die sich jedoch erst wehrt und dann ihre aufkeimende Gefühle vor den anderen Jägerinnen verleugnet. Später verführt sie der als Orion verkleidete Gott Eros um in ihr die Liebe zu wecken. Durch ihn lernt sie eine Welt der Sinnlichkeit kennen, denkt zwar auch sehnsüchtig an Arminta und Diana, entscheidet sich jedoch für die Welt Orions und einen anderen Mann. Nach Jahren trifft sie im Heiligen Wald noch einmal auf Arminta, doch die Liebe zwischen einem mystischem Wesen und einem Menschen hat nun einmal keine Chance. Sie geht mit dem Mann, Arminta bleibt zurück ebenso wie Diana, die von Eros daran gehindert wird, sich an Arminta und Sylvia zu rächen, indem er sie an ihre Liebe zu dem in ewigem Schlaf gefangenen Endymion erinnert.

Madoka Sugai
Foto: Kiran West

Sylvia

In der Titelrolle brillierte beide Male die in Japan gebürtige Erste Solistin Madoka Sugai, die 2012  im Alter von 18 Jahren den Prix de Lausanne und 2018 den Dr. Wilhelm Oberdörfer-Preis gewann
Ihre Sylvia sprüht geradezu vor Energie. Ergeben ist sie nur Diana, der Göttin der Jagd und der Keuschheit. Wie eigentlich alle Tänzer des Hamburg Balletts ist auch sie eine Meisterin der kleinen Gesten und nicht nur der Grands Jetés oder anderer für ihren Beruf so wichtige und das Publikum so beeindruckenden Bewegungsabläufe.


Da ist die überschäumende Freude, auch bei den anderen Jägerinnen, bei dem Stück Les chasseresses (Fanfare), die sich in großen Sprüngen zeigt, nicht selten gefolgt von Siegesschreien. Doch das Ballett lebt auch von zahlreichen leisen, zarten Gesten. Zum Beispiel wenn Sylvia sich über einen von Diana geschenkten Bogen freut. Es ist ein sich Anschmiegen ohne jegliche tänzerische Haltung, einfach nur natürlich und menschlich. Dieses ihren Figuren, egal ob mystische Wesen, Schäfer, Gött*innen oder  jenen von Adel, immer greifbare Natürlichkeit zu verleihen, die jede Figur so glaubhaft macht, ist für mich von jeher eine besondere Stärke der Tänzer in John Neumeiers Kompagnie. Und auch die Madoka Sugais. Ihr Erstaunen, Zögern, sich Wehren  um dann doch immer noch zögerlich  loszulassen und sich den Gefühlen einen kurzen Augenblick hinzugeben, im ersten Pas de deux mit Arminta, rührt an und weckt Verständnis für ihre innere Zerrissenheit.

Die Auswahl des Stückes zeigt Neumeiers Geschick zu Melodien, die wir aus dem Radio oder von Ballettgalas  als puren Tanz kennen, durch seine Tänzer Geschichten erzählen zu lassen. Delibes Valse lente kennen wir alle, die wir eine gewisse Affinität zu klassischer Musik verspüren. Er ist fast so populär wie Delibes A Pizzicati, das Armintas und Sylvias letzte Begegnung begleitet. Beide Pas de deux zeigen uns Bewegungen, Gesten und Emotionen, die wir, dank unserer Hörgewohnheiten und bisherigen Assoziationen mit diesen beiden Stücken, so nicht erwarten. Dies intensiviert zusammen mit Madoka Sugais Leistung und der ihrer beiden Armintas die Wirkung dieser Choreografien.

Alle Fotos: Kiran West

Arminta

Am 5. September war Alexandr Trusch an ihrer Seite zu sehen, ein Tänzer der seine Ausbildung an der Ballettschule Hamburg erhielt und seine Vielseitigkeit bereits in zahlreichen Balletten unter Beweis stellte. Sei es als jungenhaft verliebter Romeo in Romeo und Julia, als verträumter aber während des Stückes doch reifender Hamlet in Hamlet 21, als frecher Puck in Ein Sommernachtstraum oder seelisch gequälter  genialer Nijinski im gleichnamigen Ballett, um nur einige Beispiele zu nennen. Weiß er auch in all diesen Partien, den ernsten wie den romantischen, zu begeistern, so kann er doch seine selbstsicher-charmante Art  nie vollständig verbergen.

Sein Arminta betritt den Heiligen Hain der Diana mit Ehrfurcht, scheint ihn in seinem wunderbar  kraft- und ausdrucksvoll getanzten Solo als einen Ort zu sehen, an den er genauso gehört wie all die mystischen Wesen, bringt auch gleichzeitig sein Staunen, seine Verwunderung, seinen Wunsch nach etwas, vor seiner Begegnung  mit Sylvia, Unerklärlichem zum Ausdruck. Sind es bei Sugai/Sylvia die eckig angewinkelten Beine und Füße, die Unbehagen ausdrücken, sind es hier die eckigen Arme, die einen Schrei zu unterdrücken scheinen. Aber Trusch ist auch ein zärtlicher Arminta, wie er in den Pas de deux beweist, und die Leidenschaft mit der er sich besonders zum Ende des letzten Pas de deux Sylvia zu Füßen wirft, ist eine Geste, die in kaum einem Liebes-Pas de deux Neumeiers fehlt und die lächeln lässt. In diesem Falle ist es ein bitteres Lächeln, weiß man doch – vielleicht noch vor Arminta: Es gibt kein Happy End.

Ensemble, Alle Fotos Kiran West

Der junge Finne Atte Kilpinen, der am 11.09. in der Rolle des Arminta debütierte, berührte mich  auf eine andere, intensivere Art, ohne dass ich dafür eine rationale Erklärung geben kann. Kilpinens Arminta wirkt auf mich ernster, noch verträumter und in seinem Auftritts-Solo fast verzweifelt sehnsuchtsvoll auf der Suche nach etwas, das er nicht (be)greifen kann und dann in Sylvia findet. Und neben seinem tänzerischen Können sind es wieder die Kleinigkeiten, die für ihn einnehmen. Ein Lächeln oder die Haltung und Mimik, mit der er am Ende einfach auf der Bühne sitzt und die doch (für mich) seine Gedanken und Träumereien von der für immer verlorenen Sylvia ein wenig deutlicher machen als  bei Alexandr Trusch.

Seit 2020 Ensemblemitglied und seit diesem Jahr Solist, weist sein Repertoire verhältnismäßig wenige Partien auf, doch in denen,  in denen ich ihn erlebte, überzeugte er, so klein – oder besser – kurz die Partien auch waren. So eben auch in der vielschichtigen Rolle des Schäfers Armintas. Es liegt eine besondere Stärke und Ausdruckskraft in seinem Tanzstil, die neugierig macht auf all die Partien die noch vor ihm liegen. Wie zum Beispiel auch der Tazio in Tod in Venedig oder der Puck in  Ein Sommernachtstraum. Beides Rollen, die er auf dem anstehenden Gastspiel in Baden Baden tanzen wird.

Doch Trusch wie Kilpinen überzeugen gleichermaßen und ziehen auf ihre ganz persönliche Art und Weise in den Bann, nicht nur in ihren Soli oder dem Zusammenspiel mit Sylvia, sondern auch als deren Traumerscheinungen in Orions Welt. Wieder kann Neumeier seine Handschrift nicht verleugnen. Warum denn auch! Die Art und Weise wie er immer wieder Dreiecksbeziehungen, und sei es auch nur in Erinnerungsträumen, skizziert wird nie ihre Wirkung verlieren. Der zum Tanzen benötigte Raum ist relativ klein, ebenso die Bewegungen. Das Gesicht der anderen  mit der Hand eher leicht zu streifen als wirklich zu berühren, oder dass sich die dritte Person während einer Hebung um die beiden anderen herum oder eine Person sich fast im Plié unter dem Arm einer anderen hindurch bewegt. Gesten von Vertrauen und einer Zärtlichkeit in dem Wissen, dass diese nie wirklich sein wird.

Christopher Evans, Jacobo Bellussi
Alle Fotos: Kiran West

Eros/Thyrsis/Orion, Diana, Endymion

Der Amerikaner Christopher Evans ist ebenso vielseitig wie seine Kollegen. Sein Auftritts-Solo als Eros zu Le bèrger ist geprägt von fließenden Bewegungen, die bei Evans weich und leicht wirken. Dann zeigt er als Thyrsis zusammen mit einer Gruppe von Schäfern seine humorvolle Seite. Selbst beim Hüftenkreisen überwiegt Selbstironie vor ländlich-unschuldiger Frivolität. Vielleicht ist es diese selbstverständliche Leichtigkeit, die mich die Szene in der er – nun als Orion- Sylvia verführt, so prägnant und an Nötigung grenzend empfinden lässt. Er wechselt nicht nur die rote Latzhose gegen den Frack, sondern schlüpfte wirklich merklich wiederum in eine neue Rolle.

Auch die „Triple“- Partie Eros/Thyrsis/Orion verkörpern  mit Christopher Evans und Fèlix Paquet zwei völlig unterschiedliche Tänzer. Aber dies gilt tatsächlich für alle von Neumeier besetzten Partien  in all seinen Balletten. Hier seien jedoch noch Anna Laudere und Hèlene Bouchet als Diana und Jacopo Bellussi wie auch der mit 21 Jahren blutjunge Alessandro Frola als Endymion erwähnt.

Felix Paquets Ausstrahlung  in dieser Triple-Rolle ist von Anfang an sinnlicher. Der Kanadier, der mit Spielzeitbeginn 2019/20 als Solist beim Hamburg Ballett engagiert wurde, besticht durch eine besondere Bühnenpräsenz. Sein Eros wirkt noch ätherischer als der von Evans, sein Thyrsis ist sich von Anfang an seiner Sinnlichkeit bewusst. Sein Orion ist  von Anfang an Verführungskunst pur. Die genau richtige Mischung von Kraft und Sanftheit in Tanz und Gestik. In Orions Welt  dann ist Paquet Herrscher über eine Gesellschaft, die sich ganz den Sinnen hingibt, wo Männer überwiegen  aber, zum Beispiel zum Szenenfinale hin, die Frauen die Oberhand haben. Sie lassen die Männer  sich drehen, indem sie ihnen auf den ausgestreckten Arm schlagen. Und hier sind es auch die Frauen, die die Männer halten, während diese sich mit aufrechtgeradem Rücken nach vorne beugen.

Madoka Sugai, Anna Laudere, Ensemble
Alle Fotos: Kiran West

Nun zu  den letzten beiden Rollen, die dieses Ballett prägen: Diana und Endymion. Sie die Göttin der Jagd und der Keuschheit, er ihr einstiger Geliebter, nun der ewige nicht alternde Schläfer.
Anna Laudere, die am 5.9. 2021 diese Rolle tanzte, hat stets eine sehr feenhafte ätherische Ausstrahlung, wirkt bei Hebungen fast schwerelos auf eine Art und Weise, wie ich sie bisher nur bei der kürzlich verstorbenen Colleen Scott empfunden habe. Laudere ist prädestiniert für die Rollen zerbrechlich wirkender aber starker Frauen wie Anna Karenina, Kameliendame, Ophelia oder Desdemona. Aber auch für starke Frauen, die eine gewisse Zerbrechlichkeit in sich tragen, wie Diana. So streng sie mit Sylvia nach deren Vertrauensbruch ist, so zärtlich ist sie mit Endymion. Ja, sie ist  als Diana ein mystisches Wesen, dem menschliche Emotionen nicht fremd sind, das aber doch immer  ein mystisches Wesen, eine Göttin, bleibt.

Auch Hélène Bouchet, die am 11.09. 2021 die Diana tanzte, ist wunderbar in dieser Rolle. Ihre Ausstrahlung und Leichtigkeit bei Sprüngen und Hebungen ist auf eine mehr irdische Art weiblich. Ihre Hingabe an Endymion ist in ihrer Zärtlichkeit greifbarer, ihr Zorn oder auch ihre Unnachgiebigkeit  Sylvia gegenüber sind geprägt von der Verletzbarkeit einer Frau, die zwar nie vergisst, dass sie eine Göttin ist,  sich aber in der Liebe zu Endymion wie zu Sylvia erlaubt Frau  zu sein. Wie schade, dass sie sich entschlossen hat am Jahresende ihre Karriere zu beenden und wie schön, dass sie bis dahin noch einige Male auf der Bühne zu sehen sein wird.

Alexandr West. Madoka Sugai
Alle Fotos: Kiran West

Die Partie des im Schlaf gefangenen Endymions hat mich, besonders von Jacopo Bellusi getanzt, sehr beindruckt. Sie mag abgesehen von dem großen Pas de deux mit Diana und der Finalszene eine eher passive Partie sein, doch Bellussi wie auch Alessandro Frola haben genug Bühnenpräsenz  um uns  ihn nicht vergessen zu lassen. Das erstaunliche, und für mich nur durch einen Blick durchs Opernglas erkennbar, ist, dass beide mit (zumindest fast??) geschlossenen Augen tanzen und das durchgehend. Es ist eines dieser Dinge, die man nicht unbedingt bemerken kann oder soll,  die aber doch die Rolle prägen und so  wichtig für sie sind, machen sieden Schlafenden doch erst wirklich glaubwürdig. Widerspruch?

Nicht wirklich, denke ich. Wir kommen nicht auf die Idee, dass jemand wirklich mit geschlossenen Augen tanzt, würden es aber bemerken täte er es nicht. Einfach weil seine Bewegungen und auch seine Ausstrahlung eine andere wären. Frola, unter anderem an der Balletschule Hamburg ausgebildet und noch Gruppentänzer, fehlt für mich bisher ein wenig an Ausstrahlung, doch bin ich sicher, dass sich das ändern wird. Bellussi hingegen hat mich sehr berührt, es schien mir als tanzte er Endymion nicht nur sondern fühlte sich völlig in diesen hinein.

Fazit: Zwei wunderbar unterschiedliche Abende durfte ich erleben, beide zu recht ebenso wunderbar umjubelt.
Und ja, mir ist bewusst, dass ich mich hier meiner ganz eigenen Maßlosigkeit hingab: Dem Schreiben über etwas, dass mich begeistert und für dass ich besonders die Ballett-Skeptiker begeistern möchte. Hoffentlich mit Erfolg …

Birgit Kleinfeld, besuchte Vorstellung, 11.09.2021

Link zu Von der Menschlichkeit mystischer Figuren: https://operngestalten.de/2021/09/09/hamburg-ballett-sylvia-von-der-menschlichkeit-mystischer-figuren-1/

Homepage Ballett: https://www.hamburgballett.de/

Homepage Fotograf: https://www.kiranwest.com/

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