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Berichte, Gespräche und mehr (nicht nur) aus der Welt der Oper

Sehnsucht nach Jugend, Schönheit. Leben.

Wieder „nur“ ein Stream und zwar aus dem Teatro Regio Parma. Vor einiger Zeit gab es die Möglichkeit via Rai play* die Aufführung von Claude Debussys einziger Oper Pèlleas et Melisande in der Inszenierung des Dous Barbe & Doucet zu sehen. „Nur“ ein Stream? Oder nein, wie schön ein Stream! Denn die Sehnsucht endlich wieder Oper live erleben zu dürfen ist weiterhin groß. Aber ein Stream bietet auch die Möglichkeit sich intensiv mit der Komplexität des Werkes und den vielen, in Bühnenbild, Kostümen und Personenführung zu entdeckenden Details, auch wirklich zu finden. Doch wie alles, hat auch dies eine negative Seite. Denn intensive Beschäftigung mit etwas, weckte immer neue Zweifel in mir, ob das was ich schrieb auch wirklich alles erfasst was Barbe/ Doucet ausdrücken wollten. Deshalb zögerte ich, mit Beendigung und Veröffentlichung. Doch gibt es nicht den Spruch: „Besser spät, als nie!“? Daher: Voìla, meine Gedanken zu einer Produktion, die hoffentlich bald mit Publikum (und noch ein Mal online?) zu sehen sein wird!

Eine Sage von zeitlosen Gefühlen oder doch …

Auf den ersten Blick erzählt „Pélleas et Mélisande“ eine Dreiecksgeschichte, wie sie in vielen Legenden und Sagen üblich ist. Golaud verliert während einer Jagd zwar die Fährte der Beute, findet aber an einem Brunnen ein weinendes wunderschönes Mädchen: Mélisande. Er nimmt sie mit sich, heiratet sie und führt sie heim auf das großväterliche Schloss. Hier begegnen sie Golauds Halbbruder Pélleas. Zwischen ihm und Mélisande entwickelt sich sofort eine emotionale Verbindung, was Golauds Eifersucht weckt. Sein Misstrauen wächst immer weiter, er benutzt sogar seinen Sohn Yniold als Spion gegen die beiden vermeintlich Liebenden. Letztlich geht er so weit, seinen Bruder zu ertränken, als er ihn und Mélisande ertappt, als sie sich zu Abschied inniglich umarmen. Als Melisande nach der Geburt einer Tochter im Sterben liegt, gesteht sie Golaud, dass Pélleas und sie sich geliebt hätten. Doch sie schwört: „Wir wurden nie schuldig.“ Golaud glaubt ihr nicht, ist überzeugt, das Kind sei das seines Bruders.

Klar ist allein, dass sich zwei verlorene Seelen fanden und sich an sich und ihrer Sehnsucht nach einer besseren Weltfesthielten, sagen doch Pélleas, wie auch Mélisande: “Ich bin nicht glücklich hier.“

Claude Debussy der Name steht in der Hauptsache für Sinfonische Werke, Klavierstücke und auch Lieder, die die Kräfte der Natur, ihre Gewalten, die Emotionen die sie auslösen und auch ihre Geister hörbar machen.
Besonders hier in seiner Oper verzichtet Debussy auf Koloraturen und andere musikalische Schnörkel und Verzierungen. Vielmehr scheinen die Worte und ihr Klang innerhalb eines Satzes, eine natürliche Symbiose mit der Musik einzugehen. Die zahlreichen sinfonischen Teile des Stückes hingegen haben etwas Sphärisches, Überirdisches. Man meint, den Wind zu hören, hört das Wasser in den Brunnen plätschern. Hört, ja spürt, ein Unheil nahen.

…. auch die Sucht der Sehnsucht verlorener Geister/Seelen

Das Duo Barbe & Doucet steht für schier unerschöpfliche Phantasie und Kreativität bei Kostümen, Bühnenbildern und auch für Ideen Altes neu zu erzählen. Immer bieten die beiden Künstler, die Möglichkeit über den Tellerrand des Üblichen zu schauen. In einem der kurzen Videos, die das Teatro Regio de Parma zusätzlich zu dem Stream auf seinem Youtube Kanal bietet, sagt Renaud Doucet: „It’s about spririts.“ Es geht also um Geister, im sinne von „verlorenen Seelen“. Denn anderer Stelle anderer Stelle werden auch „losts souls“ genannt. Und wirklich, die Welt, die André Barbe und Renaud Doucet für ihre Charaktere schufen, ist eine Art Zwischenwelt.

Der Ausdruck „Anderswelt“ kam mir sofort in den Sinn, vielleicht aufgrund des sehr naturbezogenen Settings auf mehreren Ebenen und des steinernen Hauptes einer sich über einen Uferrand beugenden Frau. Sie scheint eine Darstellung unvergänglicher Schönheit und Jugend zu sein. Die Haare, die das Statuenhaupt schmücken und in eine untere Bühnenebene hinunterhängen, wie einst die Haare Melisande als Goulaud sie fand, gleichen Lianensträngen. Sie sind eine Verbinndung zwischen Welten, doch ist die andere auch durch sie nicht zu erreichen. Mögen Pèlleas oder Melisande noch so sehr an ihnen spielen oder sie betasten. Es gibt keinen Weg hinauf, keine Möglichkeit, all die inneren und äußeren, echten und erfühlten Konflikte zu lösen.

Es gibt noch mehr Symbole, die auf eine Welt zwischen den Welten hindeuten. Zum Beispiel jener Baum im Hintergrund, dessen weiße Krone, dank Guy Simards Beleuchtung und der Personen Führung von Renaud Doucet manchmal einer flauschigen Wolke gleicht. Aber dann wieder, ja zur selben Zeit, seine Wurzeln unverkennbar in ein weitere Ebene oder Dimension streckt. Erneut ohne sie verankern zu können. Aber es gibt noch soviel mehr. So wirkt die sterbende Melisande, wie sie so auf einem moosbewachsenem Steinaltar liegt, wie eine Opfergabe. An die Götter? Die Natur?

Dann ist da noch dieser unheimliche Geisterbote. Eine Art Paris der Anderswelt, der zu Beginn der Oper, eine der verschleierten weiblichen Gestalten auswählt, um ihr zwar keinen Apfel, aber eine mit Wasser gefüllte Kristallkugel zu reichen. Diese Kugel zerschellt, gibt ihren Inhalt, das Sinnbild allen Lebens, Wasser, frei. Immer wieder tauchen Kugel, verschleierte Damen und, der den ich Geisterbote nenne auf. Beobachtend. Wartend?

Nein, Melisande ist nicht die Auserwählte für die Kugel, was sie zusammenbrechen lässt. Barbe und Doucet stellen sie auch nicht als junges Mädchen dar.

Mezzopranistin Monica Bacelli verleiht der weiblichen Hauptrolle die Ausstrahlung einer schönen, doch nicht mehr jugendlichen Frau. Eine Frau, die zu reif ist um als Trägerin der Wasserkugel ausgewählt zu werden. Durch den Stil ihres weißen Kleids mit gelblichem Stich und der komplizierten Steckfrisur lässt Barbe/Doucets Mélisande sofort das Bild von Kaiserin Sissi auferstehen, die noch heute eine Ikone, ein Sinnbild ist, für unvergänglich jugendliche Schönheit und eine Frau , die einfach nicht alt werden wollte/konnte. Bacellis Gesang ist ebenso von Intensität und Innigkeit geprägt, wie ihre Ausstrahlung und Darstellung. Sie träumt, liebt und leidet von der Ablehnung des „Boten“ bis hin zum Schluss.
Ihr Repertoire umfasst Partien wie Cherubino, Elvira, Dorabella (Mozart), Rossinis Rosina, Massenets Charlotte und vieles mehr. Die Mélisande dieser Produktion scheint ihr dennoch wie auf den Leib geschrieben. Ihre wohl- und volltönendes Stimme verleiht der Figur einerseits eine gewisse Reife, gleichzeitig aber auch eine Art Melancholie und Zerbrechlichkeit, die einer helleren Stimme, einer mädchenhafteren Mélisande, fehlen würde. Ihre Sehnsucht und Verzweiflung bekommen durch Bacellis in allen Registern sicherem Gesang eine subtile Tiefe. Es mag an meinem fortgeschrittenem Alter liegen, doch ich kann mich in diese Mélisande ( noch) besser einfühlen. als in eine jugendlichere. Und so erschaffen Debussy, Barbe/Doucet und Monica Bacelli nicht wenige Gänsehautmomente.

Auch Philip Addis als Pélleas bewegt sich auf „stimmfachfremden“ Boden, gehören doch Mozarts Graf Almaviva, Rossinis Figaro, Puccinis Marcello, Donizettis Belcore und ähnliche Partien zu seinem Repertoire. Es sei denn, es ist mir entgangen und Debussy, hat ähnlich wie Massenet beim „Werther“ auch eine Fassung für Bariton geschrieben. Optiisch erinnert mich persönlich Addis hier mit seiner blonden Perücke und seinem weißen Anzug, dessen Muster an einen rissigen Boden oder vielleicht auch Baumrinde gleicht, an Wildes Dorian Gray. Oder auch den „Kleinen Prinzen“. Zum einen also an jemanden, der dem Alter nicht erlauben will, sein Äußeres zu verändern. Zum anderen jemanden der sich in einer Welt voller Rätsel und Kampf seine kindliche Reinheit bewahrt hat. Philipp Addis‘ Art Pélleas darzustellen verstärkt diesen vielleicht ambivalenten Eindruck durch vielseitiges ausdrucksvolles Spiel. Sein Stimmumfang ist groß, seine Stimme stets ausdrucksvoll und sicher geführt.

Es sei mir verziehen, dass ich auf die anderen Darsteller nicht näher eingehe. Wie anfangs schon erwähnt, verführt ein längere Zeit verfügbarer Stream mich einfach dazu mich mehr auf auf die Inszenierung und den Gesamteindruck einzulassen. Sängerische Leistungen einer Aufführung hingegen kommen im Theater direkt besser zur Geltung, lenken Nahaufnahmen und gezielte Bühnenausschnitte doch nicht ab,
Aber ich möchte betonen, dass Michael Bachtadze (Goulaud), Vincent le Texier (Arkël), Enkelejda Shkoza (Geneviève), wie auch Silva Frigato als Ynold beachtliche Leistungen erbrachten und ihren Rollen stimmlich wie darstellerisch gerecht wurden. Leistungen, die ich, wie auch die von Chor und Orchester unter der Leitung von Marco Angius umso ausführlicher würdigen werde, habe ich dazu die Möglichkeit in einem zweiten Beitrag. Am liebsten einem zu einer Live-Aufführung, denn alles an dieser Produktion, Sänger eingeschlossen, verspricht einen dann noch größeren Genuss.
Birgit Klleinfeld, 26.5.2021

Links:
Barbe & Doucet: https://www.barbedoucet.com/
Monica Bacelli: http://www.grovesartists.com/artist/monica-bacelli/
Phillip Addis: https://www.phillipaddis.com/
Teatro Regio Parma: https://www.teatroregioparma.it/en/homepage/

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