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Genie + Leid = Tanzeslust

Bereits vor einem halben Jahr, am 4. Dezember 2020, fand die offizielle Generalprobe zu John Neumeiers 165. Ballettkreation, Beethoven-Projekt II, an der Staatsoper Hamburg statt. Doch erst nach sieben Ersatzterminen feierte dieses Ballett am 29.5. seine umjubelte Uraufführung. Und die von mir besuchte dritte Vorstellung wartete bereits mit einer neuen Besetzung auf. Dies gefiel mir bereits in meiner Jugendzeit: Neumeiers Kompanie ist ein Ensemble, das sich zwar an die üblichen Kategorisierungen (Gruppentänzer*in, Solist*n, Erste/r Solist*n) hält, jedoch durch Alternativbesetzungen von Anfang an vielen Tänzer*innen eine Chance bietet, ihr Können zu zeigen und dem Publikum ein und dasselbe Stück immer wieder neu interpretiert lassen.
Gestern also debütierte unter anderem Alexandr Trusch in der Rolle, die zwar keinen Namen hat, die aber doch vermuten lässt, es handle sich um Ludwig van Beethoven. Auch Madoka Sugai, Charlotte Larzelere, Karen Azatyan, Christopher Evans und Matias Oberlin übernahmen andere Partien als jene, die sie in der Premiere tanzten.

Christopher Evans, Charlotte Larzelere
Alle Fotos Kiran West

Der Abend ist in zwei Teile aufgeteilt: Hausmusik und Tanz! Beschäftigt sich der Anfang des Abends damit, durch Tanz eine emotionale Geschichte zu erzählen, so steht die Freude an Bewegung und Tanz in der zweiten Hälfte des Stückes farbenprächtig und fast ausschließlich fröhlich im Mittelpunkt.
Den musikalischen Erzählrahmen zu Hausmusik bilden Ludwig von Beethovens Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 in c-Moll und sein einziges Oratorium Christus am Ölberge und letztlich die Klaviersonate Nr.21 in C-Dur, die Waldstein-Sonate. Tanz! dann wird gestaltet von Beethovens Sinfonie Nr. 7 in A-Dur von der, wie im Programmheft zu lesen, sogar Richard Wagner gesagt hat: „Diese Symphonie ist die Apotheose des Tanzes selbst: sie ist der Tanz nach seinem höchsten Wesen, die seligste Tat der in Tönen gleichsam idealisch verkörperten Leibesbewegung.“

Alexandr Trusch, Madoka Sugai
Alle Fotos Kiran West

Passend zu der vermittelten Stimmung sind die Kostüme von Albert Kriemier- A-K-R-I-S im ersten Teil in eher bedeckten Farben gehalten, später leuchten die weich fließenden Kleider der Damen dann in Weiß, Rot, Blau und Gelb. Auch in der Bekleidung der Herren lassen sich Verbindungen zu beabsichtigten Aussagen entdecken. Alexandr Trusch trägt zu Beginn eine Art Frack über schwarzem T-Shirt und Jeans. Legt diesen aber sofort wieder ab, wird so zeitlos, modern. Spätestens beim Prestissimo der Waldstein-Sonate tragen sämtliche männliche Tänzer ebenfalls T-Shirt und Jeans. Eine Vervielfältigung, die auf die Vielseitigkeit des Komponisten hinweist?! Die schwarzen, knöchellangen Herrenröcke im zweiten Teil vermitteln eine gewisse Leichtigkeit, die gut zu Musik und Choreografie passen.
Heinrich Trögers Bühnenbild, die leere Hauptbühne mit einem Flügel am linken Bühnenrand und die erhöhte Spielfläche mit weiterem Flügel und einem rot-goldenen Polsterstuhl hinter dem auf der Bühne spielendem Orchester platziert, wie auch John Neumeiers Lichtregie harmonieren mit allem anderen. Sie schenken dem Zuschauer hier und da wirklich beeindruckende Momentaufnahmen oder Hintergrundhandlungen abseits des eigentlichen Geschehens.

Noch vor dem ersten Tanzschritt, noch bevor Pianistin Mari Kodama und Violinist Anton Barakhovsky von als „Diener“ fungierenden Darstellern zu ihren Plätzen geführt werden, beginnt das Stück. Trusch lehnt am Flügel, spielt unhörbare Melodien und bringt von Anfang an Beethovens Verzweiflung über seine Taubheit zum Ausdruck. Er, nicht ausschließlich doch vorrangig, in den Rollen des positiven Helden zu sehen, beweist, wie schon als Nijinsky im gleichnamigen Ballett, sein darstellerisches Talent auch in Rollen mit eher tragischen Aspekten. Es gelingt ihm mühelos Beethovens Verzweiflung über die Taubheit, die dennoch vorhandene Sensibilität für Missklänge darzustellen, ebenso wie Momente der Freude, des Glücks, der Sehnsucht. Dies geschieht durch kraftvolle Sprünge, ausdrucksvolle Bewegungsabläufe, ebenso wie durch sensible Gestik und Mimik.
Da sind zum einen die Szenen und Pas de deuxs mit der zauberhaft ätherischen Madoka Sugai. Ihre Rolle interpretiere ich als die einer Geliebten oder auch eines Traumbildes einer Geliebten. Anfangs entgleitet sie ihm. Doch dann finden die beiden sich, suchen Halt aneinander. Die Faszination liegt dabei in der Vielschichtigkeit, in dem sich Abwechseln zwischen fließend leichter Harmonie im Miteinander und auch allein. Aber ebenso in einer Art körperlichen Missklangs, durch zum Beispiel eckig ruckende Kopfbewegungen. Ist Trusch der in sich zerrissene Künstler so ist Madoka Sugai der ersehnte Engel der Erlösung und Liebe, die schwerelose Blaue Blume der Sehnsucht nach Vollkommenheit und beide berühren durch ihre Kunst im Innersten. Noch intensiver ist jedoch der Eindruck, den die Szenen zwischen Alexandr Trusch und Karen Azatyan hinterlassen.

Karen Azatyan, Alexandr Trusch,
Alle Fotos Kiran West

Für mich ist die Figur, die Karen Azatyan hier tanzt, mehr als ein Freund. Vielmehr empfinde ich ihn als Darsteller des Selbstbildnisses dem Truschs Beethoven gerne entsprechen möchte. Das Alter Ego: stark, vielleicht nicht unfehlbar aber unversehrt. Aber auch das eigene Genie, das die Kraft schenkt wunderschöne und unsterbliche Musik zu kreieren. Azatyan verbindet Männlichkeit und Kraft mit Empathie. Durch seinen und Truschs Tanz, ihre gemeinsame, große Ausdruckskraft wird die namenlose Hauptfigur zu einem Ganzen: Sensibilität und Stärke ergänzen sich. Das geht zusammen mit Beethovens Musik tief unter die Haut.

Wie immer gibt es bei Neumeier, neben den Hauptakteuren, auch weitere Personen, ja, Charaktere zu entdecken. Tanzend werden andere Paarkonstellationen vorgestellt oder es treffen fast militärische  Akkuratesse und gesellschaftliche Sachlichkeit auf künstlerische Verträumtheit. Kurz: Es gibt nie Akteure auf der einen und Statisten am Bühnenrand auf der anderen Seite, sondern jeder Tänzer trägt zur Handlung bei, hat eine Bedeutung.

Ida-Sofia Stempelmann, Atte Kilpinen
Alle Fotos: Kiran West

Doch erst im zweiten Teil liegt der Fokus nicht mehr auf Trusch bzw. Beethoven dem Menschen, sondern dessen Musik. Zu Recht heißt dieser Teil des Abends Tanz! Alexandr Trusch steht auf der erhöhten Spielebene und lässt Notenblätter auf die Vorderbühne hinabrieseln. Eine junge Frau, die auf dem Dirigentenpult kauert, hebt sie auf, reicht sie Kent Nagano um dann traumverloren zu beginnen, sich um sich selbst zudrehen und endlich wie losgelöst von der Welt zur Musik zu tanzen. Eine Tempo- und Ausdrucksbezeichnung im ersten Satz heißt vivace. Und das ist es haargenau, was  die knapp 21 jährige Ida-Sofia Stempelmann ausstrahlt: Lebendigkeit, Lebens- und Tanzfreude. Ihre Natürlichkeit, die Leichtigkeit ihrer Bewegung, das alles lässt den Zuschauer lächeln. Für mich ist sie, wie auch ihr Tanzpartner, der junge Finne Atte Kilpinnen, die Neuentdeckung des Abends und ich hoffe, beide noch oft auf der Bühne erleben zu dürfen.

Olivia Betteridge, Nicolas Gläsmann Alle Fotos Kiran West

Auch sie ist für mich nicht von der Bühne wegzudenken: Anna Laudere. Sie bildet dieses Mal zusammen mit Matias Oberlin, der sehr kurzfristig für den erkrankten Edvin Revazov einsprang, das führende Paar im zweiten Satz der Sinfonie. Wie so oft besticht Laudere durch ihre ihr eigene Eleganz, wunderschön weiche Armbewegung und eine fast ätherische Weiblichkeit. Matias Oberlin und sie zeigen uns eine andere Art der Liebe zum reinen Tanz, begeistern aber ebenso wie Stempelmann/Kilpinnen oder auch Charlotte Larzelere und Christopher Evans. Diese beiden gestalten den dritten Satz als Hauptakteure. Charlotte Larzelere, die bereits 2018 vom Bundesjugendballett ins Ensemble wechselte, sprüht, fast ebenso wie Ida-Sofie Stempelmann, über vor jugendlicher Frische und Natürlichkeit, gepaart mit tänzerischer Präzision. Evans zeigt, neben seinem tänzerischen Können, auch hier und da eine subtil humorvolle Seite.
Das Alles und besonders der von allen gestaltete letzte Satz, der in einem Reigen über die gesamte Bühne gipfelt, lässt das Publikum für einen Moment, wenn auch nur im Geiste, teilhaben an der Freude am unbeschwerten Tanzen. Diese Unbeschwertheit bekommt keinen Dämpfer sondern gewinnt eine gewisse Tiefe hinzu, wenn Karen Azatyan Alexandr Trusch in den Armen wiegt, noch einige Momente, nachdem die Musik verklingt.

Mari Kodama, Anton Barakhovsky, das auf wenige Mitglieder reduzierte Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von GMD Kent Nagano und der Tenor Kammersänger Klaus Florian Vogt begleiten die Tänzer einfühlsam, bringen die Emotionen zum Klingen, die im Tanz  zu sehen und zu erfühlen sind. Vogt einmal nicht in Wagner-, Korngold- oder Straußopern über und hinter dem Orchester agieren zu sehen und singen zu hören, sondern vor dem Orchester am Bühnenrand stehend, wirft ein recht neues Licht auf die Schönheit und auch das Volumen seiner Stimme. Er besticht durch gesangliche Reinheit und absolut deutliche Artikulation.

Fazit: Beethoven-Projekt II ist, auch wenn ich allzu viele Beteiligte nicht namentlich erwähnt habe, alles in allem ein Stück, das den Wert des gesamten Ensembles zeigt und -irgendwie sympathisch- auf Einzelvorhänge verzichtet. Was dem Jubel jedoch keinen Abbruch tat, denn nach achtmonatiger Abstinenz haben weder Ensemble noch Publikum die Freude verloren, wie Kiran Wests Bild vom Premierenschlussapplaus deutlich macht.
Birgit Kleinfeld,03.06.21.

Ensemble, Alle Fotos Kiran West

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