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Tosti & Prato: Eine musikalisch persönliche Reise

Wieder imponieren mir das Herzblut und die Arbeitsintensität die bei Illiria- Productions in jeden einzelnen Artikel fließen lässt. Immer sind Cover und Beilageheft liebevoll gestaltet. Songs from far away geht noch einen Schritt weiter: die CD, die 20 Songs steckt im Deckel eines vieseitigen Buches, nicht booklets. Es enthält nicht nur die Texte der Lieder und historischen Fotografien von Francesco Paolo Tosti, sondern auch geschickt komponierte, Fotos von Vittorio Prato. Sie stellen den Sänger in den Fokus und vermitteln gleichzeitig eine Atmosphäre, die zu den Liedern passt. Doch was dieses CD/Buch-Paket so besonders macht, sind neben Pratos gefühlvoller Interpretation, die sehr persönlichen, authentischen Texte Pratos Ergänzt werden sie durch sorgfältig recherchierte Informationen
Dass das Lesen Konzentration verlangt, da alles in italienisch und englisch, aber nicht in deutsch vorliegt, mag für den einen oder die andere ein Manko darstellen. Aber haben wir nicht alle Englisch in der Schule gehabt oder/und Italienisch autodidaktisch durch unsere Liebe zur Oper zumindest ein wenig gelernt.

Vittorio Prato,
Alle Fotos Illiria-Pro.

Einblicke, Bekenntnisse, Inspirationen

Tosti und ich so lautet der Titel des ersten Abschnittes von Vittorio Pratos Gedanken. Musik als eine Antidote / Die Reise. Risiko als Methode / Lebewohl / Opfer/ Abbilder (Dias) meiner Reise. Spezielle Treffen. Besondere Begegnungen / Die Stimme, das Schauspiel / Die Einsamkeit und die Zeit / Das Darlehen / Der Erfolg / Erfahrung /An sich selbst glauben und schließlich Durchlesen, sind die Überschriften und Themen der restlichen Artikel. Schon sie alleine erfüllen mit einem gewissen Bedauern, dass hier kein Platz für nähere Ausführungen ist. Sie erwecken den Wunsch nach einem Interview mit dem Sänger um meinen Lesern auf deutsch einen Einblick zu geben, in Pratos Gedanken zu der Kraft der Musik, seiner Reise, auch zu Tostis Spuren und sich selbst.

Pratos Reise beginnt da, wo Francesco Paolo Tosti am 9. April 1846 geboren wurde: in Ortana in den östlich von Rom gelegenen Abruzzen. „Für einen Moment“, so Prato im ersten Abschnitt des Buches, „hatte ich das Gefühl dem Horizont näher zu sein. Studierte ihn, ähnlich wie Tosti es in meiner Vorstellung tat, als er davon träumte davon zu segeln um in der Fremde sein Glück zu machen.“
Dies ist nur eine von all den Aussagen, die uns den italienischen Komponisten näher bringt, der sein Glück wirklich auf gewisse Weise im fernen England fand. Wurde er durch seine Lieder dort doch sehr populär. Auch war er Professor der Royal Academy of Music, ab 1906 britischer Staatsbürger und wurde mit dem Royal Victorian Order  ausgezeichnet und so in den Ritterstand erhoben.

Giaccomo Puccini, F. P. Tosti
Alle Fotos Illiria-Pro.

Melodien, Poesie, Emotionen

Buch und CD bilden eine wunderbare Einheit, das eine unterstreicht die Wirkung des anderen. So fällt es nach Hören der CD leichter zwischen den Zeilen der Buchtexte zu lesen .Hat man im Gegenzug Pratos Worte gelesen, so bekommen Musik, Texte und Pratos ausdrucksstarke Interpretation noch einen extra Akzent, der es endgültig fast unumgänglich macht, sich in Tostis London, ins London der vorletzten Jahrhundert wende zurückversetzt zu fühlen.
Zumindest visuell-emotionale Hörer, wie ich es bin, werden bei den melodisch sanften Klängen sepiafarbende Fotografien oder gar Filmchen vor ihrem inneren Auge sehen. Bilder von jungen Damen in bodenlangen, Reifrock freien Kleidern, die am Arm eine eleganten Gentlemans durch London prominierten und hinter einer behandschuhten Hand verschämt über dahingehauchte Zärtlichkeiten lächelten. Junge Männer in Leinenanzügen Anzügen mit Strohhut auf dem Haupt im Hydepark der Angebeteten in einer Kutsche oder gar hoch zu Ross sehnsuchtsvolle Blicke zu warfen. Oder der eine oder die Andere an einem lauschigen Plätzchen liebevolle Zeilen las und verfasste .Die perfekte Atmosphäre für Tostis Melodien zu den Gedichten von Poeten wie unter anderem Violet Fane, Frederic E. Weatherly, Henry Wardsworth Longfellow und Alfred Tennyson.
Die Musik ist ebenso feinsinnig, wie die Texte es sind, doch halt auf italienische Art: ohne Schwermut in sanfte Melancholie verliebt, sodass zusammen mit den typisch viktorianischen Texte eine bitter-süße Leichtigkeit entsteht, die sofort ins Ohr geht. Und dort bleibt.
Es geht um Liebe, Sehnsucht, Abschied, Traurigkeit, Fern- und Heimweh.

Vincenzo Scalera
Alle Fotos Illiria-Pro.


Pianist, Bariton, Genuss

Die Interpretation durch eine mitteltiefe Männerstimme und einen Pianisten ist eine absolut adäquate Entscheidung, die mir mehr zusagt als höhere Singstimmen oder/und Orchesterbegleitung. Ein Pianoforte ist auf schlichte Art kraft- und ausdrucksvoll. Eine Baritonstimme von der Qualität Pratos, hat ebenso wie ein Tenor, den gewissen Schmelz und – so sehr ich auch Soprane und natürlich besonders Tenöre schätze, – strahlt eine mitteltiefe Männerstimme bei aller Melancholie, genau die richtige Stärke aus, die zu Melodien und Texten gehört.

Vincenzo Scalera, der in New York geboren wurde und aus einer italienischen Familie stammt, kann auf eine lange Reine bekannter Namen zurückblicken, mit denen er arbeitete und noch arbeitet. Darunter Dirigenten wie Claudio Abbado und Carlos Kleiber. Auch die Liste der Sänger*innen die er begleitet(e) ist äußerst klangvoll. Zu Ihr gehören Josè Carreras eben so wie Carlo Bergonzi , Juan Diego Florez, Montserat Caballé und sogar Leyla Gencer.
Auf dieser CD beweist Scalera, dass langjährige Erfahrung nicht zu tun hat mit Routine, denn seinem Spiel mangelt es nicht an Virtuosität und Einfühlvermögen, sein Anschlag wirkt federleicht. In den Liedauftakten und den Übergangspassagen zwischen den Strophen setzt er Akzente, die den jeweiligen Aussagen der Lieder Nachdruck verleihen.

Vittorio Prato, dessen Debutalbum Il Bravo zu loben ich nie müde werde, galt schon vor dem Erscheinen von Il Bravo als Spezialist für bel canto à la Rossini, Donizetti, Bellini und Co. Doch sein Repertoire ist so umfangreich, wie die Anzahl der bekannten Opernhäuser auf deren Bühne er bereits zu sehen war, hoch ist. An seine bisher einzigen Auftritte an der Staatsoper Hamburg als Lescaut in Giaccomo Puccinis Manon Lescaut, gehört zu denen an die man gerne denkt. Gehört Prato doch zu jenen, die zeigen, wie wichtig neben Gesangstechnik auch Ausdruck und Spiel(freude) sind. Kenne ich auch vieles nur akustisch oder digital so ist doch klar, dass Prato wandelbar ist. Ich kann ihn mir als seriösen Père Germont aus Verdis La Traviata ebenso gut vorstellen , wie als selbstverliebter Belcore aus Donizettis Der Liebestrank. Die Wandelbarkeit gilt auch für seine Fähigkeit nur mit seiner Stimme Emotionen und Stimmungen zum Ausdruck zu bringen. „Der Ton“, so Prato, „ist eine riesige Karte die, die eigene Wesensart (eines jeden) enthüllt.“
Und bei Songs from far away enthüllt er zum Beispiel in For ever and ever melancholisch zärtliche Traurigkeit. Man glaubt ihm das „auf ewig“ unbesehen. Sein Pierrot’s Lament hat etwas Abgeklärtes. Weises. Der Titel Now! ist derjenige, der mich am meisten berührt.
Prato gelingt es halt zusammen mit Scalera zu überzeugen und in den Bann von Tostis Musik zu ziehen. Stets Text verständlich, stets auf den Punkt. stets mit sicher aber nie von Routine sinnleerer Stimme zeigt der junge Italiener sein Können, sein großes Stimmvolumen. Und nicht zuletzt seine Liebe zu Musik und seinem Beruf.

Fazit: Ich wünsche mir für uns noch viele Buch+CD-Produktionen dieser Art, die Musik und persönliche Worte verbinden. Und ich wüns che mir Prato und Scalera (und natürlich noch viele andere mehr) endlich wieder einmal auf einer Bühne erleben und mit wahrem Applaus und nicht nur Worten bedenken zu dürfen.
Birgit Kleinfeld, 06..4.2021

Links:
https://www.illiria.de/ Illiria-Productions
https://www.vittorioprato.com/ Vittorio Prato
https://de.wikipedia.org/wiki/Vincenzo_Scalera Vincenzo Scalera

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