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Johannes Brahms: Lieder & Duette – Junge Kehlen, ernster Genuss

Auf dem Albumcover zu ihrer Doppel-CD Johannes Brahms Lieder & Duette, zeigen die vier Protagonisten Jan Schultsz (Pianist), Rachel Harnisch (Sopran), Marina Viotti (Mezzosopranistin) und Yannik Debus (Bariton) uns ihr Halbprofil. Sie blicken hinaus aus dem Bild, vielleicht auf das, was die Zukunft Ihnen bringen mag?
Dieses, wie auch die Bilder im Inneren des Covers und im beiliegendem Textheft, vermitteln einen völlig ungekünstelten Eindruck von drei jungen Sängern und ihrem Begleiter am Klavier, die unübersehbar Freude an ihrer Zusammenarbeit haben. Eine Zusammenarbeit, deren Ergebnis ein Album ist, das uns mehr als zwei Stunden Musik von hoher künstlerischer Qualität schenkt. Die Authentizität der Bilder spiegelt sich auch in den einzelnen Vorträge wider, die ebenso frei sind von aufgesetzter Attitüde. Dafür zeugen sie von Liebe und Verständnis zu Brahms und seiner Musik.

Jan Schultsz, Rachel Harnisch, Marina Viotti, Yannik Debus/
Alle Fotos: Panclassics

Als Hamburgerin ist das erste, das mir einfällt, höre ich den Namen Johannes Brahms, das Brahms-Museum in der Peterstraße, die besondere Atmosphäre die dort in der Luft liegt, der sanfte Geruch nach alten geschichtsträchtigen Holz und Elfenbein, der von Brahms‘ Tastenklavier ausgeht. Dann, wenn die Gedanken professioneller werden, kommen mir sofort seine große Kompositionen in den Musik liebenden Sinn: Ein Deutsches Requiem, die Ungarischen Tänze, das Violinkonzert D-Dur op79 , sämtliche Sinfonien, eindrucksvolle Klavierkonzerte. Fragte man mich bisher nach Brahms‘ Liedern so konnte ich auf Anhieb, natürlich Guten Abend, gute Nacht (Wiegenlied) nennen, danach dann Regenlied, Blinde Kuh, Mainacht und – tja und dann hieße es nachdenken.
Aber nicht nur die Wiedererkennungsmomente, wenn eines dieser Lieder auf dieser CD erklingt, machen diese Produktion so hörenswert. Sie schenkt uns den Genuss eher sibtil leiser Werke eines Komponisten, dessen „klangmächtige“ Werke uns unter die Haut gehen und in Konzerten immer wieder begeistern. Wir Hörer brauchen nur die Bereitschaft uns wirklich mental und emotional auf die Vielzahl der Stücke, die uns hier erwarten einzulassen. Denn oft sind sie nicht länger als so manche Cabaletta oder Arietta in einer Oper, mit größtenteils weniger einprägsamen Melodien und der Intention in kürzester Zeit eine intensive Aussage zu erreichen.

Rachel Harnisch, Jan Schultsz, Marina Viotti, Yannik Debus
Alle Fotos Panclassics

Liedgesang lebt, wie jede Art von Musik oder Kunst, für die mehr als eine Person verantwortlich ist, vom Miteinander. Hier sind es die/ der jeweilige Sänger*in und Jan Schultsz begleitend am Piano. Der Amsterdamer arbeitet als Kammermusiker, Dirigent und als Liedbegleiter von bekannten Sängern wie Ceclia Bartoli,  Vesselina Kasarova und Daniel Behle. So beweist sein Spiel Erfahrung, die jedoch nicht zur Routine wird, sondern dazu beiträgt, dass Text, Tempo, Gesangs-und Begleitmelodie ein Ganzes macht, bei dem alles überzeugt.

Es sind die beiden Damen, denen der Löwenanteil dieser Produktion gehört, singen sie doch auch gemeinsam Duette. Der Herr im Bunde bestreitet gleich auf der ersten CD 9 Lieder und Gesänge op 32. Yannik Debus, Bariton, wurde 1991 in Hamburg geboren und ist momentan Mitglied des Internationalen Opernstudios des Opernhauses Zürich. Seine Stimme führt er in allen Lagen sicher. In den Tiefen klingt sie voll und reifer, als man es bei einem so jungen Mann erwartet und ihr wird verständlich, dass er auf einigen Seiten nicht als Bariton, sondern als Bass angekündigt wird. Sein Timbre in den höheren Lagen und im Piano ist weich, einschmeichelnd und ansonsten kraftvoll und genau von dem richtigen Maß an Klang nach Weltschmerz erfüllt.

Alle Stücke dieser Doppel-CD sind klangschöne Beweise dafür, dass der Begriff (deutsche) Romantik als die Epoche, zu der Brahms‘ Werke gezählt werden, wenig mit süßlich verträumten Reimen und Melodien zutun hat, sondern eher mit dem Spiel mit den dunkleren Gefühlen und Emotionen, die uns Menschen umtreiben. So stehen Zweifel, Verlustängste und die Mystik des Todes im Mittelpunkt und nicht die Glückseligkeit der Verliebtheit. Debus‘ Zyklus ist für mich, unabhängig von den Texten, der mystischste. Vielleicht unterstützt den Eindruck die Tatsache, dass es sich hier um 9 ausschließlich von einem männlichen Interpreten gesungene Lieder handelt. Besonders angetan hat es mir Debus‘ Interpretation von Wie bist du meine Königin (op.32 nr.9). Debus erzählt hier eine Geschichte von zärtlicher Hingabe auch an die Todessehnsucht. Seine ideal eingesetzte Stimme ist das i-Tüpfelchen mit dem dieses Lied besonders unter die Haut geht.

Jan Schultsz, Rachel Harnisch, Yannik Debus.
Marina Viotti, Alle Fotos: Panclassics

Die Sopranistin Rachel Harnisch wurde in Freiburg im Breisgau geborenen. Sie ist die Künstlerin unter den dreien mit der größten Bühnenerfahrung, sei es in Partien wie Pamina (Die Zauberflöte, Mozart) oder Jenufa (Jenufa, Janáček) oder auch als Lied- und Konzertsängerin. Schon das Eröffnungslied Heimkehr (op.7 Nr.6) lässt vermuten zu welch stimmlicher Leidenschaft sie fähig ist. Wiegenlied (op.49 Nr.4) dann, singt sie mit einer Zärtlichkeit, mit der jeder gerne in den Schlaf gesungen werden möchte. Lassen Sie mich noch Blinde Kuh (op.58 Nr.1), Regenlied (op.59 Nr.3), Ständchen (op.106 Nr.1) und Salamander (op.107 Nr.2) erwähnen, Lieder mit recht unterschiedlicher Aussage, die sich auch im Charakter Musik zeigt, nicht allein in den Worten. Rachel Harnisch drückt allem, mit ihrem schönen Sopran und den klaren stets sicheren Höhen einen unverwechselbare Stempel auf, der in den Bann zieht und neugierig macht, die Künstlerin live zu erleben.

Die junge Schweizer Mezzosopranistin Marina Viotti wird so Corona will, am 3.Dezember bei der Fundação Calouste Gulbenkian in Lissabon als Elle in Francis Poulencs La Voix Humaine auf der Bühne stehen und Ende Januar 2021, ist ihr Aufritt als Niclause/ Muse in Jacques Offenbachs Le contes de Hoffmann am Gran Teatre del Liceu in Barcelona geplant.
Ihr Mezzo ist von jugendlicher Frische hat aber bereits die Wärme und Wandelbarkeit, die dieser Stimmlage eine Vielzahl an unterschiedlichsten Partien ermöglicht oder ermöglichen wird. Ihre Darbietung der Acht Zigeunerlieder op. 103 möge dazu dienen, ein Beispiel für Ihr Können zu nennen. Mühelos strömen die Töne, feurig fordert sie in He, Zigeuner, eben diesen zum Spielen eines Liedes auf, das zu Tränen rührt. Neckisch zärtlich beginnend, steigert sie sich in Wisst ihr, wann mein Mädchen bis hin zur Leidenschaft in nur einer Strophe. In all ihren Darbietungen wirkt ihre Stimme gelöst, frei.
Die Duette der beiden Damen zeigen, wie harmonisch schön zwei ausdrucksvolle Stimmen zusammen klingen können. Auch, oder gerade wenn die natürliche Spannung Männlich/weiblich fehlt. Hervorheben möchte ich hier Walpurgisnacht op.75 Nr.4, einen Dialog von Mutter und Tochter, wie auch Wege der Liebe op.20 Nr. 1 & 2 und Klänge op.66 Nr. 1 & 2.

Rachel Harniisch, Yannik Debus, Jan Schultsz,
Marina Viotti /Alle Fotos Panclassics


Alles in allem ist dies eine CD, die, wie bereits erwähnt, von der Liebe zu Brahms erzählt, von der Liebe zum tiefgründigen deutschen Liedgut. Gut, hier und da ist die Aussprache aller drei Künstler nicht ganz lupenrein verständlich, was aber nichts ändert an der Faszination. Denn die Modellations- und Ausdrucksfähigkeit reicht um fühlend zu verstehen. Es ist dazu, anders als die CDs, die ich bisher auf operngestalten.de besprach, keine Produktion, die aus dem Alltag entführt. Vielmehr bestärkt sie all die, die Musik und das Liedgut der deutschen Romantik lieben oder lieben lernen möchten. Eine CD für jene, die neugierig sind auf junge Künstler, die sich mit hörbarer Überzeugung an ein Genre wagten, das auch vom Hörer Konzentration und volle Aufmerksamkeit verlangt um seine ganze Wirkung zu entfalten. Und beides auch verdient.
Birgit Kleinfeld, 24.11.2020

https://www.rachelharnisch.com/

https://www.schultsz.com/de/node/17516

http://www.michael-gehrke.com/paedagoge/archiv/yannick-debus/index.html

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