operngestalten

Berichte, Gespräche und mehr (nicht nur) aus der Welt der Oper

Questo è Rossini – Rossini + Bellini = Mironov²

Am 15. November diesen Jahres wird der russische Tenor Maxim Mironov zusammen mit Mezzosopranistin Kristina Stanek und Bariton Kartal Karagedik in einem Rossini-Sonderkonzert auf der Bühne der Staatsoper Hamburg stehen.
2003 gewann Maxim Mironow, der am Gnessin-Institut in Moskau ausgebildet wurde, den Gütesloher Wettbewerb Neue Stimmen. Inzwischen gilt er als einer der wichtigsten Interpreten von Rossini- Partien der heutigen Zeit. Seine CD Questo è Rossini ist eine schöne Vorbereitung auf den Galaabend mit dem in Tula geborenen russischen Tenor, der, wären die Zeiten nicht wie sie dank Corvid-19 sind, im November als Orphée in Christoph Willibald Glucks Oper Orphèe et Eurydice zu sehen gewesen wäre.


Rossini: unbekannte lyrisch-sehnsuchtsvolle Lebensfreude

Der Name Gioachino Rossini steht für einen Genießer, einen Bonvivant, jemanden, der sich selbst mit Humor und nicht zu ernst nahm. Als Komponist steht der Komponist, der bereits mit knapp 21 Jahren zu großem Ruhm kam, zu oft in erster Linie für virtuos heitere Opere buffe wie La Cenerentola, L’Italiana in Algeri, I Turco in Italia, dem in nur dreizehn Tagen vollendeten Il Barbiere di Siviglia, wie auch für andere, Leichtigkeit, Ironie und Frohsinn vermittelnde Werke. Auch seine mitreißenden Ouvertüren erfreuen sich nicht nur bei den Bewunderern seiner Kunst größter Beliebtheit. Doch hat er noch so viel mehr geschrieben. Unter anderem geistliche Musik, wie sein Stabat Mater, die Messa di Gloria oder auch die Petite Messe solennelle, die als sein bedeutendstes Alterswerk gilt.

Questo è Rossini-Titelliste /Alle Fotos Illiria-Prpductions

Questo è Rossini vereint sechszehn Kammerarien für Klavier und Tenor zu einem wahren Ohrenschmaus aus kleinen akustischen Tournedos Rossini, so fantasievoll und fein komponiert wie das gleichnamige Gericht.
Es ist, so denke ich, der Gourmet, als der Rossini von jeher gilt, durch den ich mich hinreißen lasse, zu eher an der Sinnlichkeit von Speisen orientierten Metaphern zu greifen. Wie sagte Rossini selbst: Falsche Gewürze tun ebenso weh wie falsche Töne.
Auf dieser CD stimmen alle Zutaten. Sie ergeben kein üppiges Menü aus in Lautstärke, Tempo und Instrumentalisierung variierenden Orchesterklängen, sondern ein alles andere als frugales Mahl der meist leisen, selten gehörten doch betörenden Töne.
Natürlich gibt es als Nummer 15 einen allseits beliebten weltbekannten Leckerbissen: „La Danza, ein Ohrwurm par excellence. Die Spielanweisung Allegro con brio allein sagt doch schon alles. Heißt es doch in etwa heiter mit Schwung und ist es doch eine Tarantella, jener Volkstanz, der noch heute mitreißt. Richard Barker erfüllt diese Vorgaben und Erwartungen schon im Intro zur Gänze. Wenn Maxim Mironov dann mit Feuer in seinem schön gefärbten Tenor die Hörer*innen in die Zeit der musikalischen Salons entführt, wo auch die Ariettas und Duette aus Rossinis Album Soirées musicales für Unterhaltung sorgten, ist die Verführung, sich dem musikalischen Genuss hinzugeben, endgültig gelungen.
Doch eigentlich nahm sie schon mit den ersten Liedern auf dieser CD erfolgreich ihren Anfang. Man nehme nur L’òrgia, ein weiteres von insgesamt vier Stücken, der Soirées musicales auf diesem Album. Die Arie hält, was der Titel verspricht. Serviert das Duo Mironov/Barker uns mit La Danza einen belebenden akustischen Rotwein oder ein erfrischendes Sorbet, so sprudelt L’orgia wie ein Prosecco über vor Lebensfreude jenseits der gesellschaftlichen Norm. Mironov meistert die für rossinische Verhältnisse immer noch moderaten Höhen mit Bravour und modelliert mit einer Leichtigkeit, die sein Lächeln, sein Augenzwinkern hörbar macht.

Richard Barker/Foto Illiria-Productions

Mi lagnerò tacendo ist gleich zweimal in den Soirées enthalten. Für mich sind diese Stücke, die, die mich am meisten faszinieren. Der Text ist in beiden Fällen ein und derselbe von Pietro Metastasio. Eine musikharmonische Analyse der Unterschiede, sehen Sie mir die bitte nach, traue ich mir ad hoc und ohne nachzuschlagen nicht zu.
Aber dies kann ich sagen, beide Versionen berühren tief, behandelt das Gedicht doch Kummer und Leid der Liebe. Wieder drängt es mich zu kulinarischen Vergleichen. Rossinis Komposition und besonders auch Mironovs Interpretation, gleichem einem Gericht, das durch Zugabe gewisser neuer Gewürze in Form von Tempi und Noten verändert wurde, das, was es ausmacht, aber dennoch bleibt. Bei dem Mi lagnerò tacendo am Anfang dieser CD ist die Trauer, Verzweiflung und Wut von Anfang bis Ende spür- und hörbar. Die Fassung am Ende der CD beginnt fast heiter und endet kraftvoll, ja fast ein wenig trotzig, mit genau den Höhen, die Rossini und allem voran Mironovs leicht geführten lyrischen Tenor so besonders machen.
Allmählich erliege ich nicht nur der Schönheit von Rossinis Musik, der ausdrucksvollen empathischen Begleitung Barkers und der Vielseitigkeit Mironovs. Sondern auch Rossinis Überschwang mit Noten, Tempi, Harmonien und Stimmen umzugehen und auch der fast maßlosen Genusssucht, die ihm im Leben nachgesagt wird. Denn ich habe nur ein Viertel der Lieder auf dieser CD zur Sprache gebracht. Und auch die restlichen verdienten es hier aufgenommen zu werden. Sei es um ihrer Selbst oder auch des Könnens der beiden Interpreten willen.

Maxim Mironov/ Foto: -Illiria Productions

Doch so schwer mir Zurückhaltung auch fällt, wenn mich etwas, auf die eine oder andere Art anspricht oder schmeckt, werde ich sie nun trotzdem üben. .
Mironov und Barker interpretieren hier auch einige Kammerarien aus dem italienischem Album der Péchés vieillesse. Rossinis Sünden des Alters. Wir, die seine Musik lieben, können wirklich dankbar sein, dass er sie beging. Doch um von meinem Entschluss, mich maßvoll zu verhalten, zu entsprechen, möchte ich hier nur Il fanciullo smarito erwähnen. Eine von Mironov mit viel Herzenswärme vorgetragenen Weise, in der es um ein verschwundenes, sicher gestorbenes Kleinkind geht. Klar und präzise zeigt Barker hier in schnellen Läufen die Suche der Nachbarn, macht durch Anschlagen eines Tones aus den hohen Oktaven das Klopfen an Türen hörbar. Während Mironov uns Traurigkeit und Ausweglosigkeit spüren lässt.

Dann ist da noch ein Lied, ja ein Ständchen, das keinem der beiden Alben zugeordnet scheint, das ich nennen möchte: Il Trovatore.
Wie schade ist es doch, dass diese Art der (nächtlichen) Ständchen nicht mehr üblichen sind!
Wie schön, dass Illiria-Productions (https://www.illiria.de/), bekannt für eine kleine aber absolut hochwertige Auswahl an Veröffentlichungen, uns durch wenige Klicks ermöglicht, uns hier mit Rossinis wenig bekannter Musik und Mironovs Ausstrahlung und Stimmung wegzuträumen aus dem hier und jetzt. Oder jenen, die pragmatischer veranlagt sind, den Genuss von Belcanto in Reinkultur erlaubt.
Ich für meinen Teil, erfreue mich an beidem. Und Sie?
Birgit Kleinfeld 27.10.2020

(P.S.: Eine Besprechung von Vincenzo Bellinis La Ricordanza, ebenfalls mit dem Duo Mironov/Barker folgt zeitnah hier auf operngstalten.de)

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2020 operngestalten

Thema von Anders Norén