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Loreleis Lied vom Ei hart gekocht -Zauberhafter Ensembleliederabed

„Lieder von Zauberei, Hexerei, Spiegelei, kochend heiß gesungen vom Ensemble der Staatsoper“.
Besser als die Stückbeschreibung der Staatsoper Hamburg kann auch ich diesen Abend nicht zusammenfassen. Was vom Titel her im ersten Moment an eine Veranstaltung für Familien mit (Klein)kindern, entpuppte sich als absolut kurzweilig interessanter Abend. Thematisch klug geplant und zusammengestellt von Pianist Rupert Burleigh, dargeboten von sechszehn Sängerinnen und Sängern des Opernensembles. Beliebte „alte Hasen“ wie Jubilarin Hellen Kwon. Katja Piewek, Gabriele Rossmanith, Tigran Martirossian und Kartal Karagedik  begeisterten ein Mal mehr mit ihren Darbietungen. Ihre jungen Kolleginnen und Kollegen allen voran Elbenita Kajtazi und Ida Aldrian, aber auch alle anderen bewiesen ihr stimmliches Können.

Herbst – Zeit von Nebel Mystik und Hexerei

Der Herbst ist die Zeit, in der die Natur sich langsam zur Ruhe begibt, Nebel wallen häufiger, stürmt, knackt und weht, was besonders den Oktober geheimnisvoll und uns empfänglicher für Mystik macht. Dieser Abend  war angefüllt mit Liedern, die sich mit Zauber, Mystik und Legenden verschiedenster Art, die amüsierten, verzauberten und zum Träumen verführten.
Gleich zu Beginn erweckte die junge Sopranistin Elbenita Kajtazi Franz Liszts Loreley zum Leben. Gerade noch begeisterte sie an der Opéra Natinal de Bordeaux als Violetta in Giuseppe Verdis La Traviata. Nun überzeugte sie auf gesanglicher wie auch darstellerischer Linie als Liedsängerin mit Empathie für Text, Musik und Interpretation. Ihr Gesang, federleicht und mühelos, zusammen mit ihrer intensiven Mimik und Körpersprache geht unter die Haut. Man möchte mehr von ihr hören, sich noch länger entführen lassen von ihrer Stimme, ihrer Ausstrahlung.
Etwas später im Programmverlauf präsentierte der Bariton Bernhard Hansky eine weitere Vertonung des Loreley-Gedichts von Heinrich Heine. Dem Absolventen der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin gelang es mit warmen Timbre  und  zurückhaltenden doch ausdrucksstarken Gesten, , die eher bedrohlich unheimlich, statt melancholische Stimmung hörbar zu machen, die Clara Schumann, die leider unterschätzte Komponistin, mit ihrer Musik erzeugt.


Einen wahren akustischen Kurzkrimi, Spannung, die schon an Grusel grenzt, erzeugten Rupert Burleigh und Bariton Kartal Karagedik bei Johann Wolfgang von Goethes Erlkönig. Burleigh verlieh Franz Schuberts stetig galoppierenden Rhythmen eine passende exakte Härte oder auch harte Exaktheit. Karagedik gelang es, seinen schönen Bariton so zu modellieren, dass er Vater, Knaben, Erlkönig und auch dessen Töchtern charakteristische Stimmen gab und so alle Figuren wirklich fühlbar machte.

Melancholie, Humor, auch britisch bissig und endlich das Ei!

Weitere melancholisch mystische Momente schenkten uns mit volltönendem Mezzosopran Jana Kurucová mit Die Mainacht von Johannes Brahms. Aber auch Bassbariton Chao Deng mit seiner gefühlvollen Interpretation von Robert Schumanns Vertonung von Joseph von Eichendorffs Waldgespräch, Bass Martin Summer mit Schumanns tiefgründigen Heine-Ballade um Belsazar und nicht zuletzt Sopranistin und Mitglied des Internationalen Opernstudios Marie-Dominique Ryckmans mit Apparition von Claude Debussy zeigten die hohe künstlerische Qualität junger Ensemblemitglieder.
Bei Felix Mendelssohn-Bartholdys Stück Andres Maienlied, dargeboten von Mezzosopranistin Katja Pieweck, wie auch bei Carl Löwes, von Tigran Martirossian gesungener Goethe-Ballade Der Zauberlehrling, hielten sich die Mystik der Zauberei und subtiler Humor die Waage. Besonders Pieweck glänzte mit wohlklingender Ironie bei ihrer Interpretation von des Gedichtes L .C. H. Höltys, der auch für die Worte für Mainacht verantwortlich zeichnet.
Humor und Ironie verbreiteten auch die drei Lieder, bei denen sich drei junge Sänger mit drei verschiedenen Reptilien beschäftigten.
Den Auftakt machte Bass Hubert Kowalczyk mit Ivan Eröds Krokodilslied. Eröd verstarb im vergangenen Jahr und steht für Musik mit Humor und Tiefgang. In Krokodilslied , wie auch in Die Klapperschlange gibt er den Texten von Richard Bletschacher einen klangvollen, zu Ohr gehenden Rahmen.
Es folgte Salamander von Johannes Brahms, gesungen von David Minseok Kan. Schließlich gab Tenor Daniel Kluge mit Die Klapperschlange ein weiteres humorvolles, fast an Reggae gemahnendes Lied von Eröds zum Besten. Alle drei Herren werden dankenswerter Weise im Laufe der Spielzeit noch in weiteren und echten Partien zu sehen sein.

Ida Aldrian

Drei Damen zeichnen verantwortlich für drei Lieder von ganz besonderen Humor. Der Komponist William Wolton vertonte Gedichte von Edith Sitwell. Gedichte, die bildlich gesprochen mehr Fleisch auf den Rippen oder auch mehr Tiefe haben, als man es, trotz der bereitgestellten Übersetzung von Rupert Burleigh und Sohn, beim ersten Hören bemerkt.
Die Lieder setzen sich humorvoll kritisch und ironisch bissig mit Großbritannien und dessen Kolonialzeit auseinander.
Mit ihrem gewohnt klar strahlendem Sopran sang Ks. Gabriele Rossmanith das Lied von der. in einen Baum verwandelten Daphne. Keck, augenzwinkernd und mühelos in jeder Tonhöhe.
Der Mezzosopranistin Ida Aldrian gebührt eine Portion Extraapplaus, stand sie doch am Abend zuvor als Marylou in Paul Abrahams Operette Märchen im Grand-Hotel auf der Bühne und sprang dennoch kurzfristig für eine erkrankte Kollegin ein.
Through gilded Trellises, das wirklich kompliziert klingende Lied über drei alterne Frauen, die lieber auf der Straße tanzen als sich hinter Jalousien vor der Sonne zu verstecken, meistert sie als hätte sie eine lange Probezeit und nicht nur eine kurze Probesession hinter sich. Brava!!! Sie ist eine erstaunlich vielseitige Künstlerin mit einer Stimme, die hoffentlich noch in verschiedenen Rollen hier in Hamburg zu hören und zu sehen sein wird.
Die junge kanadische Sopranistin Kady Evanyshyn erlöste uns dann endlich von der Frage um das geheimnisvolle Ei im Titel des Abends. Old Sir Faulk, der Titelheld des Liedes hat ein Kindermädchen, das ein Ei findet, Doch statt es als Sinnbild für Freiheit und Zukunft auszubrüten, kocht sie es und tötet so die Hoffnung. Evanyshyn bezaubert mit ihrem Gesang und ihrem Humor. Ihre Stimme ist so wie das Küken hätte sein können: federleicht unbeschwert und ohne Fehl und Tadel!

35 jähriges Bühnenjubiläum und kein Ende in Sicht!

Hellen Kwon Foto: Staatsoper Hamburg

Ein besonderer Moment an diesem Abend war die Ehrung von Kammersängerin Hellen Kwon durch Intendant Georg Delnon. Seit 35 Jahren ist sie Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg. Trotz zahlreicher Engagements über all auf der Welt, blieb die Südkoreanerin ihrem Haus immer treu und verkörperte hier schier unzählige Partien, in denen sie die Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme und ihrer Schauspielkunst unter Beweis stellen konnte.
Unvergessen ihre Königin der Nacht in der legendären Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozart Zauberflöte von Achim Freyer. Ihre originalen, circa 60 cm langen Fingernägel und ein Portrait, das sie in ihrer Rolle Die Frau in Wolfgang Rihms Das Gehege zeigt, wurde ihr auf offener Bühne zum Geschenk gemacht.
Hellen Kwon zeigte mit ihrer Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts launig, pfiffigen. Der Zauberer, und auch der Zugabe, die alleine ihr zufiel, dass sie noch lange auf die Bühne gehört, noch immer in den Bann ziehen kann, mit Gesang, Ausstrahlung und auch ihrem sympathischem Wesen.

Wie schön, dass es augenscheinlich weitere Abende dieser Art geben wird. Möge das Haus dann wieder voller sein dürfen oder mögen wir, die wenigen, aber nicht destotrotz begeisterten Zuschauer mutiger sein und uns trauen mangelnde Masse mit hörbarer Freude und enthusiastischem Beifall auszugleichen. Die auf der Bühne hätten es verdient!

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch, 4.Oktober 2020

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