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Tanja Ariane Baumgartner: im nächsten Leben wäre ich gerne Tenor

Interviews sind schon immer etwas, das ich spannend finde, gibt es mir doch die Gelegenheit eigene Fragen zu stellen um dem Leser dann die Menschen hinter all den Rollen, die sie für uns spielen, ein wenig näher zu bringen.
Mit der Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner beginne ich nun, eine hoffentlich lange Serie von Künstlerportraits und Gesprächen. Sie gehört zu den weltweit gefragtesten Künstlerinnen ihres Stimmfachs, glänzte bereits auf vielen Bühnen durch eine besondere Kombination aus natürlicher Bühnenpräsenz und Wandlungsfähigkeit in Spiel und Gesang.

Statt wie sonst mit einer Begrüßung des Interviewpartners, möchte ich diesen Text mit dem beginnen, das sonst am Ende steht: Dem aufrichtigsten Dank dafür, dass Tanja Ariane Baumgartner, sich jetzt, da so viele Menschen andere, nicht selten existentielle Sorgen plagen, die Zeit nahm, meinen Fragenkatalog zu beantworten.
Womit sie mir die Möglichkeit zu diesem Text gab.
Es waren die berühmten „widrigen Umstände“, die unser Gespräch verhinderten, das nach der Aufführung von Ludwig van Beethovens Missa Solemnis in der Elbphilharmonie Hamburg, stattfinden sollte.
Einem Konzert, das Tanja Ariane Baumgartner wie folgt beschreibt: „ In der Elphi zu singen ist etwas besonderes, ich denke der Saal polarisiert: Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich mochte ihn von Anfang an! Jetzt im Rückblick aus der Coronazeit, war es nicht nur ein besonderes Konzert, sondern auch einer meiner letzten Auftritte, bevor wegen Corona alles abgesagt wurde.“

Foto: T+T Fotografie /www.ttfoto.ch

Corona und die Folgen für Künstler liegt der Sängerin generell am Herzen. Denn, gefragt was es denn gäbe, was Inhaber von Klassikblogs denn tun könnten um zu unterstützen, antwortete Tanja Ariane Baumgartner, ohne zu zögern: „Machen Sie bitte immer wieder auf jene aufmerksam, denen es in diesen Zeiten schlecht oder bald schlecht gehen könnte (z.B wenn Lehrtätigkeiten völlig wegfallen). Bitten Sie die Zuschauer, ihre Eintrittskarten nicht zurückzugeben, sondern den Kartenpreis den Theatern für deren Künstler zu spenden. Es leiden wirklich viele an dem momentanen ‚ShutdownSie stehen oft fast vor dem finanziellen Ruin.“
Dies tue ich hiermit, freundlichst bittend und im Voraus dankend

Doch auch in der Beantwortung der anderen Fragen erwies sich die Sängerin als sympathisch, offen und humorvoll. Auf meine Bitte, den Satz
„In meinem nächsten Leben …“ zu ergänzen, schreibt sie: „… da wäre ich Tenor. „Fügt dann hinzu: „Für zwei Wochen!“ Das von ihr eingefügte zwinkernde Emoticon, unterstreicht den Eindruck, dass sie bei diesen Worten lächelt.
Lese ich ihre Worte auch, anstatt sie von ihr zu hören, glaube ich ihr: „Ansonsten ist es wirklich so, dass ich mein Leben nicht träume, sondern meinen Traum lebe. Und ja, ich gehöre zu jenen, deren Glas des Lebens halbvoll ist, nicht halbleer, bleibe dabei aber auch stets Realistin.“

Tanja A. Baumgartner, Will Hartmann /Theater Basel, Carmen) Foto: Hans-Jörg Michel

Kurz beschreibt sie auch den Weg zu ihrem endgültigen Lebenstraum, dem Gesang: „Mein Werdegang : Zuerst habe ich Violine studiert, habe aber bemerkt, dass mir da etwas fehlt und auch meine Stimme entdeckt. Danach habe ich mich entschlossen Gesang zu studieren. Zuerst war ich Sopran, dann kam der Wechsel zum Mezzosopran, zuerst lyrisch dann dramatisch.“
Für mich ist Tanja Ariane Baumgartner eine Sängerdarstellerin, der Drama und Intensität im Blut liegen, denn sogar als Kundry in Achim Freyers Inszenierung von Richard Wagners Parsifal an der Staatsoper Hamburg, gelingt es ihr, zu faszinieren und zu berühren. Und deren Maske und Kostüm verbergen die Darstellerin hinter dicker weißer Schminke, langen Haarzotteln und einem an Fell erinnerndem Kostüm.
„Geht das“, so möchte ich von ihr wissen, „an die Substanz, will sagen, fühlen Sie in de Moment auch, was ihre Figur fühlt oder ist das eine brillante ‚Technik‘?““
Ihre Antwort hat fast etwas Philosophisches, passt völlig zu dem Eindruck , den Tanja Ariane Baumgartner während ihrer Vorstellungen vermittelt: Die Bühnenfigur verbindet sich immer mit der eigenen Persönlichkeit, da kann man gar nichts dagegen machen. In dem Moment, wo ich auf der Bühne stehe, bin ich sehr konzentriert und ich lasse die Figur durch mich hindurch entstehen.“
Viele Sänger, so weiß ich, haben ein festes Ritual, das ihnen einen derartigen Einstieg in eine Partie oder die Vorstellung an sich erleichtert, nicht so sie. „Es gibt kein bestimmtes Ritual. Eines ist sicher, vor jeder großen Partie schlafe ich, solange ich kann und dann gehe ich sie nochmals in Gedanken durch. Alles in einem Zustand der Entspannung, so dass mein Kopf weiß: „Es wird alles gut gehen.“ ,
Wieder beendet, sympathisch und charmant, ein Zwinkersmiley ihre Aussage.

Foto: Credit Dario Acosta NY

Meinem Eindruck, dass die Stimmlage Mezzosopran unterschätzt und mit zu wenigen „großen“ Rollen bedacht ist, widerspricht sie: „Wir haben wunderbare Rollen, aber eben ein paar weniger als die Soprane. Und ach, Ich liebe alle meine Damen! Meine Hitliste: Kundry (Wagner, Parsifal), Eboli (Verdi, Don Carlos), Azucena, (Verdi, Il Trovatore), Waltraute (Wagner, Der Ring des Nibelungen), Die Amme aus Richard Srauss‘ Frau ohne Schatten, die fehlt mir gerade.
Auch finde ich es ganz reizvoll, in ‚männlichen Schuhen zu laufen‘ und Hosenrollen zu singen. Zwei oder drei Partien dieser Art habe ich auch schon in Opern von Georg Friedrich Händel gesungen, der Octavian ging aber an mir vorüber.
Ein Traum wäre auf jeden Fall noch die Dalilah aus Samson und Dalilah von Camille Saint-Saëns. Doch erst einmal ist für den Sommer meine erste Klytämnestra (Richard Strauss, Elektra) in Salzburg angepeilt. Hoffen wir, dass die Lage sich bald beruhigt, aber noch wichtiger ist, dass alle möglichst gut durch die Pandemie kommen.“

Tanja Ariane Baumgartner singt nach eigener Aussage Opern ebenso gerne wie Konzerte. Schon von jeher geht mir immer wieder die Frage durch den Sinn, ob es emotionale und mentale Unterschiede in Ausführung, wie in Vorbereitung für eine Oper, einen Lieder- oder einen Konzertabend, gibt. Denn irgendwie liegen für mich fast „Welten“ dazwischen, und auch wieder nicht: Denn alles fordert ja größte Konzentration, Technik und ein sich „Einlassen-Können“.
Die Mezzosopranistin erklärt es mir aus ihrer Sicht wie folgt:
„Ich denke rein technisch, sind bei Konzerten die rein musikalischen Ausdrucksmittel gefragt, auf der Opernbühne hat man dann noch Regie, Kostüm, Bühnenbild und Regie.
Ein Liederabend ist einfach feingliedriger als ein Opernabend. Die Emotionen wechseln schneller von Lied zu Lied. Man muss sich schneller umstellen, oft ist man aber auch stimmlich filigraner, da man ja nur mit einem Instrument zusammen singt. Auf der großen Bühne hat man das große Orchester und einfach mehr Vektoren, die mitbestimmen, was man macht.
Ein Konzert bildet ungefähr die Mitte der
Pole.“

Foto: Luigi Caputo

„Das Tempo ist eine spannende Sache“, schreibt sie weiter zu meiner Bemerkung, dass mir als Zuschauerin oft eine „Tempidifferenz“ zwischen Graben und Bühne auffällt. „Für mich hängt alles davon ab, wie phrasiert wird. Man kann sehr langsam sein, wenn gut phrasiert wird.“
Und zu meinem Eindruck, dass einige Dirigenten manchmal, was die Lautstärke ihrer Musiker betrifft, die Darsteller auf der Bühne zu vergessen scheinen, äußert sie sich so:
„Die Lautstärke ist eine andere Sache und da bin ich in Hamburg immer sehr glücklich, da Kent Nagano wirklich immer einen sensiblen Teppich ausbreitet.“

Natürlich interessiert mich auch Tanja Ariane Baumgartners Einstellung zu dem umstrittenen Thema ‚Regietheater‘ und hier besonders ihre Einstellung zu Achim Freyers Kundry hier an der Staatsoper Hamburg: „Ich bewundere Achim Freyer sehr und es ist eine spannende Inszenierung. Als ‚Kundry‘ habe ich mich aber bei Tatjana Gürbaca besser aufgehoben und verstanden gefühlt. Sie hat uns eine weibliche Draufsicht auf das Stück geschenkt und ich finde das sehr gut.“ (Siehe auch: https://youtu.be/tVMlAdM7rqw )

Ihre Einstellung zu Kritiken und Kritikern beschreibt die Ausnahmekünstlerin dann weiter mit folgenden Worten: „Es gab eine Zeit, da habe ich wirklich alles gelesen und war auch unangenehm berührt, wenn jemand persönlich wurde. Ich habe aber immer versucht zu sehen, ob ich nicht noch etwas verbessern kann. Ich finde, eine Kritik sollte immer mehr als einen Satz lang sein. Und wenn dem Kritiker oder der Kritikerin etwas missfallen hat, dann sollte doch bitte mit Anstand und Klasse kritisiert werden. Ich möchte da den wunderbaren Hugh Canning zitieren, der nach einer Azucena von mir schrieb, bei der ich total krank war: ‚She was a bit under the weather that night.‘ Was soviel bedeutet wie: ’Sie war nicht ganz auf der Höhe an diesem Abend.‘“

Foto: Credit Dario Acosta NY

Und schon sind alle Fragen beantwortet. Es bleibt die Freude darüber, dass die Mezzosopranistin „immer wieder gerne an die Staatsoper Hamburg kommt“ und die Hoffnung, dass dies bald sein wird.
Und natürlich ist da die schon geäußerte Dankbarkeit für dieses ‚Gespräch‘.
Endgültig beenden möchte ich diesen Text jedoch mit den Worten, die Tanja Ariane Baumgartner auf meine Bitte hin, besonders an ihre jungen Kolleg/Innen richtet:
„Folgt eurer inneren Stimme und folgt eurer Stimme! Sie hat mir immer meinen Weg gewiesen. Habt den Mut eure Visionen zu leben und Euch auszudrücken. Don`t try to fit in the box! Alles, alles Gute!“

Birgit Kleinfeld, 30.03.20

Nachtrag:
Für alle, die jene, die uns sonst auf den Bühnen so erfreuen, durch Spenden unterstützen möchten hat Detlef Obens, der Herausgeber von „DAS OPERNMAGAZIN“, diesen Beitrag erstellt, der wichtige Spenden- und Informationslinks enthält. Vielen Dank für die Verlinkungserlaubnis!

https://opernmagazin.de/spenden-aktionen-hilfen/

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