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NORMA – Tolle Sänger, fragwürdige Produktion

„Casta Diva“, gesungen von der unvergessenen Maria Callas ist auch heute noch, woran so mancher Klassikliebhaber denkt, wird Vincenzo Bellinis Oper Norma erwähnt.
Heute am internationalen Weltfrauentag eröffnet die Staatsoper Hamburg die diesjährigen „Italienischen Opernwochen“ mit diesem Werk, das beinahe ein ganzes Jahrhundert nicht in der Hansestadt aufgeführt wurde.
Die lettische Sopranistin Marina Rebeka singt die Titelrolle und der argentinische Tenor Marcelo Puente debütiert in der Partie des römischen Statthalters Pollione.

Die Uraufführung am 26. Dezember 1831 an der Mailänder Scala brachte Bellini nicht den gewünschten Erfolg, dennoch gilt Norma heutzutage als ein Hauptwerk des „Belcanto“.
In seinem Libretto erzählt Felice Romani die Geschichte einer gallischen Hohepriesterin, die einst ihr Gelübde brach und eine Liebesbeziehung mit dem Römer Pollione einging, dem Vater ihrer beiden heimlich versteckten Kinder. Als nun die Krieger ihres Volkes im Hain der Druiden darauf warten, dass sie – endlich – verkündet, dass die Göttin einem Krieg mit den Römern zustimmt, bittet sie um weiter Geduld: „Casta Diva, che inargenti“
Als die Novizin Adalgisa sie um die Befreiung von ihren Gelübde bittet da sie einen Mann liebe, mit dem sie fliehen wolle, fühlt Norma sich zuerst an das eigene Schicksal erinnert und lässt Gnade walten. Später dann erfährt sie, dass Pollione eben dieser Mann ist. Zwar schwört Adalgisa dieser Liebe zu entsagen und die beiden Frauen finden in dem Duett „Deh! con te, con te li prendi“ ihren Frieden miteinander. Später fühlt Norma sich von Adalgisa und Pollione betrogen, schwört Rache und verkündigt noch doch den ersehnten Krieg mit den feindlichen Römern.
Sie lässt einen Scheiterhaufen für eine abtrünnige Priesterin errichten und besteigt ihn dann selbst. Pollione, der sich kürzlich noch weigerte Adalgisa aufzugeben, entschließt sich mit Norma zu sterben.

Marcelo Puente, Marina Rebeka; hinten: Gabriele Rossmanith / Alle Fotos: Hans-Jörg Michel

Die Umsetzung dieses Stoffes durch Regisseurin Yona Kim und ihrTeam: Christian Schmidt (Bühnenbild), Falk Bauer (Kostüme), Reinhard Traub (Licht) und Videodesigner Phillip Bussmann gleicht eher einem Theatertevent, als einer, dem Werk und seiner Musik gerecht werdenden Interpretation. Es ist etwas entstanden, das man entweder vorbehaltlos hinnimmt oder dazu benutzt, sich und andere von den eigenen intellektuellen Fähigkeiten zu überzeugen.
Für jemanden, der (wie ich) zwar durchaus Regietheater affin ist, gerne neu lernt und entdeckt, ist diese Produktion jedoch eine große Herausforderung, die dazu verführt sie einfach ohne jegliche Begründung zu verreißen, da ständig aufkeimende Gedanken wie: „Warum?“, „Was soll das?“ oder „Ernsthaft?“ Von der Musik und den Leistungen der Künstler auf der Bühne ablenken.
Auch die Kostüme, die beim Chor mal an Gefängniswärter-kleidung, mal an Gewänder eines Kirchenchors erinnern, enthüllen ihren Sinn erst nach einigen Momenten des Nachdenkens. Die Frauen tragen Nachthemden oder Kleider, die aus der amerikanischen Gründerväterzeit zu stammen scheinen. Normas Machtstellung wird durch ein Pelzcape dargestellt, Pollione trägt Uniform und Leder- oder Wollmantel.
Das Bühnenbild stellt einen mehrstöckigen, höhenverstellbaren Container da und ja, ab und zu vermittelt ein Prospekt im Hintergrund den Eindruck eines undurchdringlichen Walds.
Alles in allem gibt viel zu viel, das erst jetzt, Stunden nach der Vorstellung, durch nicht abzustellendes Grübeln halbwegs Sinn zu machen scheint. Oder besser gesagt, erst jetzt beginne ich, mir vorstellen zu können, welche Intentionen Yona Kim verfolgt. Doch vorbehaltlos zu verurteilen, was mir nicht gefällt oder mich gar verärgert, passt halt nicht zu dem, was ich von mir selbst meinen Lesern gegenüber erwarte.

Mitte: Marina Rebeka; Chor der Hamburgischen Staatsoper / Alle Fotos Hans-Jörg Michel

Eine Lanze brechen für das, was Kim zu Ausdruck bringen will, gelingt mir jedoch ebenso wenig. Es mag als sozialkritisches „Theaterevent“ vielleicht dazu beitragen, die Rolle der Frauen, der schwachen, wie der starken deutlich zu machen. Eben erwachte in mir sogar der Gedanke, dass die Hornbrillen, die sowohl er, als auch Normas, recht apathische Kinder tragen, sexuellen Missbrauch seinerseits andeuten sollen. Dass Novizinnen Polliones Freund Flavio mit Fleischerbeilen töten und auch andere Frauen strafen, wenn auch nur mit Tüchern und nicht mit jenen Beilen, die zu der Grundausstattung für Priesterinnen zu gehören scheinen, ist ein Rätsel, für das ich immer noch keine Lösung fand.
Vollkommen verständlich war hingegen das fast unisono erklingende Buh-Konzert für das Regieteam, das am Ende der Vorstellung den Jubel für die Darsteller unterbrach: In der Oper geht es um die inneren und äußere Kämpfe, die verschiedenen Rollen, die Norma zu spielen hat. Und es geht um Liebe. Dies sind Themen, die selbstverständlich ins „Heute“ übersetzt werden können. Zeitweise wirkt diese Umsetzung aber wie ein Kampf Yona Kim gegen die Musik. Letzere gewinnt jedoch haushoch.
Denn die hohe Emotionalität, die trotz allem das Publikum erreicht, ist allein Bellini und dem hohen Niveau, das die Sänger darstellerisch wie gesanglich bieten, zu verdanken, die so für einen absolut gelungenen Auftakt der Italienischen Opernwochen sorgten.

Marcelo Puente, Marina Rebeka, Diana Haller /Alle Fotos Hans-Jörg Michel

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Matteo Beltrami überrascht mit einer ausgereiften Interpretation, die das Bildmalerische und wortlos Erzählende von Bellinis Komposition gefühlvoll bis spannungsvoll umsetzt. Besonders beeindruckend ist diese Leistung, weil Beltrami und dem Orchester nur knapp drei Wochen zu gemeinsamen Erarbeitung hatten, da ursprünglich Paolo Carignani als Dirigent vorgesehen war.
Auch der Chor der Hamburgischen Staatsoper unter Leitung von Eberhard Friedrich überzeugte auf ganzer Linie und gab Volk, Druiden und Kriegern ein gewisses Format.
Ähnliches gilt auch für Dongwon Kang als Flavio, Liang Li in der Rolle von Normas Vater Oroveso und vor allem für Gabriele Rossmanith als Clotilde. Zwar hat die Stuttgarter Sopranistin kaum die Gelegenheit stimmlich zu glänzen, doch ihre Fähigkeit zu stumm intensiven Spiel kommt hier zu eindrucksvoller Geltung.
Dongwon Kang, macht mit Intensität und lyrisch angehauchten Tenor neugierig auch auf andere Partien.
Liang Li überzeugt ein Mal mehr mit seinem sonoren Bass und subtilem Spiel, das der Partie des Orvoso interessante Charakterzüge verleiht.

Diana Haller, als Adalgisa, Marcelo Puente als Pollione und Marina Rebeka in der Titelrolle, bilden ein Trio, das von Anfang an in den Bann zieht. Jeder haucht seiner Figur nuancenreiches Leben ein, sodass jede Arie, jedes Duett, jede Szene angefüllt ist mit Authentizität, Emotionen und Leidenschaft.
Diana Hallers Adalgisa ist ein junges Mädchen auf der Suche nach Erfüllung und Lebenssinn. Von der ersten Szene an fühlt sie eine tiefe Verbundenheit zu Norma, scheint sie als Vorbild zu sehen. Ihre Liebe zu Pollione ist voller Bangen, Leidenschaft und Zärtlichkeit, doch letztlich ist es allein Norma, um die sie wirklich trauert. Haller entzückt durch ihre mädchenhafte Ausstrahlung, ebenso wie sie durch ihren Mezzosopran begeistert. Ihr Stimmumfang ist groß und Haller weiß zu modellieren, kann mit Tönen „Bilder malen“.
Die große „Verschwesterungsszene“ mit Norma „Deh! Con te, con te li prendi“ gehörte zu den absoluten Höhepunkte an diesem, musikalisch hochkarätigen Abend.

Marina Rebeka; Chor der Hamburgischen Staatsoper
/ Alle Fotos Hans-Jörg Michel

Vor einem Jahr begeisterte er als Cavaradossi in Giacomo Puccinis Tosca, nun debütierte er an der Staatsoper Hamburg als Pollione: der argentinische Tenor Marcelo Puente. Seine Stimme hat sich verändert, hat an Volumen´gewonnen und eine dunklere Färbung angenommen. Weitere „Tenore spinto“ Partien stehen ihm somit wohl in Zukunft offen. In Ansätzen erinnert er schon jetzt ab und zu im Timbre an Franco Corelli. Anfangs wirkte seine Stimmführung ein wenig angestrengt, doch es ist anzunehmen, dass er dies schon im Verlauf dieser Aufführungsserie ablegen wird. Seine Mittellage klingt volltönend warm und er besitzt in den Höhen auch jenen Schmelz, der einfach zu einem Tenor seines Fachs gehört.
Seine Darstellung ist so facettenreich wie seine Stimme. Er gehört zu jenen Sängern, die sich in ihre Partie hineinversetzen und ihr nicht die eigene Persönlichkeit überstülpen. Zartes Umschmeicheln liegt ihm ebenso, wie leidenschaftlich verzweifelte Ausbrüche. Etwas, das ihm sicher auch im April als Don José in Georges Bizets Carmen zu Gute kommen wird.

Marina Rebeka, die wie alle Sängerinnen, die sich nach Maria Callas an die komplexe Rolle der Norma wagen, tritt ein schweres Erbe an und triumphiert. Ihre gestrige Leistung macht es schwer, sachlich zu kommentieren. Noch einen Tag nach der Aufführung hallen Begeisterung und Bewunderung nach und machen es einfach notwendig ein jubelndes „Brava!“ einzufügen. Hier ist es also: „Braaaavaaa!“
Sie „lebt“ die Norma, gibt ihr eine Persönlichkeit, die nur sie ihr geben kann. Nichts wirkt imitiert oder nachgemacht, sondern tiefempfunden. Ihre innere Zerrissenheit und Liebe Pollione, den gemeinsamen Kindern und sogar ihrem Vater Orvoso gegenüber, ist mit jedem Ton, jeder Geste spürbar. Man merkt ihr bei „Sola, furtiva, al tempio“ an, wie sehr die junge Novizin Adalgisa sie an sich selbst erinnert, kann ihre Enttäuschung, ihre Wut und ihre Entschlossenheit nachempfinden.
Ihre Leistung ist eine „ganzheitliche“, setzt sich zusammen aus großer Bühnenpräsenz, intensiven Spiel und schier unglaublicher Stimmkraft und absoluter Sicherheit in der Stimmführung. Ohne Schwierigkeiten meistert Rebeka alle Übergänge. Sei es von Piano zu Forte, hoch zu tief oder umgekehrt. Ihr „Casta Diva …“ hat etwas beeindruckend Zartes. Bei der Selbstoffen- barung Normas im zweiten Akt, wie auch schon bei dem Duett mit Pollione davor, beweist sie meisterhaft ihre Gesangskunst und wie leicht es ihr fällt, wenige Minuten mit unzähligen, in Ausdruck und Klang verschiedenen Tönen, zu füllen.

Mitte: Marina Rebeka; vorne links: Marcelo Puente; hinten rechts: Diana Haller; Chor der Hamburgischen Staatsoper /Alle Fotos: Hans-Jörg Michel

Fazit: Welch ein musikalisch zu recht intensiv umjubelter Auftakt der diesjährigen Festwochen, die neben weiteren Normas, noch viele andere „Schmankerl für Opernliebhaber“ zu bieten haben.
Das Schlusswort für heute: „Braaaaviiiii!“ Ja, bravo und danke an alle auf der Bühne und im Graben!
Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 08.03.2020

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3 Kommentare

  1. Bzcenci 11. März 2020

    Apart from everything else, those common chairs are especially offending. Who can address such a song to the Casta Diva in this setting? The Wiener Staatsoper staged Norma concertante many years ago with Edita Gruberova. A good decision.

    • operngestalten 11. März 2020 — Autor der Seiten

      I have to admit I did not think about those chairs , just ignored them. BUT I got your point! Sometimes a concertante version is nt that bad a solution.
      Kind regards
      Birgit Kleinfeld

      • Bzcenci 11. März 2020

        It happens that, when I see something really ugly in an opera, I get fixed with rage and I cannot concentrate in the music.

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