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die beiden Fiedler – opera piccola auch für die Großen

Die Opera stabile ist ein Garant für ungewöhnliche Produktionen auf intim kleinen Raum. Ich denke da unter anderem an „Moskau, Tscherjomuschki“, „Das Floß“, „Ring und Wrestling“ oder auch die Kinderoper „Katze Ivanka“.
Nun ist an der Nebenbühne der Staatsoper Hamburg eine weitere Opera piccola zu sehen; „Die beiden Fiedler“, ein Werk des britischen Komponisten Sir Peter Maxwell Davies (1934-2016).

Die Oper erzählt die Geschichte der beiden befreundeten Fiedler Tom und Gavin. Ein Mal, auf dem Heimweg von einer Hochzeit, auf der sie aufspielten, verlaufen sie sich im sagenumwobenen Wald in dem Trolle hausen sollen. Tom, der Talentiertere der beiden, wird dann auch tatsächlich vom musikliebenden kleinen Volk entführt. Als Dank für sein Geigenspiel erfüllen sie ihm den Wunsch, dass in seinem Dorf nie wieder jemand mehr irgendetwas tun, geschweige denn arbeiten, muss. Wieder daheim stellt er nicht nur fest, dass die Zeit in den beiden Welten unterschiedlich schnell vergangen ist, sondern auch, dass Wünsche, die in Erfüllung gehen, ihre Schattenseiten haben: Denn gibt man „Trollen“ Macht über sich, kann das nicht gut gehen. Doch Musik und gemeinsamer Tanz lösen jeden bösen Zauber.

Foto: Hans Jörg Michel

Regisseur Stephan Witzlinger, Choreografin Milena Junge und Bühnen- und Kostümbildnerin Lena Scheerer ist eine verzaubernde Umsetzung des Stoffes gelungen, die Märchenhaftes mit Futuristischem verbindet.
Schon beim Betreten des Saals werden die Zuschauer in eine mystische Welt entführt, denn sanfter Nebel wabert uns schon am Eingang entgegen. Der Wald besteht aus stilisierten Holzbäumen, zwischen denen zeitweise Bett breite Schaukel hängen, auch der Thron der Königin der Trolle ist natürlich aus Holz, doch seine Form erinnert schon sehr an den „Eisernen Thron“ aus „Game of Thrones“. Die Kostüme der Trolle sind verspielt und fantasievoll, ihre Häupter mit Kränzen aus Federn, Blättern, Zweigen und Früchten gekrönt. Die Menschen in Toms Dorf hingegen sind alle mit silberfarbenen Anzügen bekleidet, tragen die gleiche platinblonde Frisur und die gleichen getönten Fernsehbrillen. Auch sprachlich, durch Sätze wie „Trinkt Trola!“ oder „Schaut Game of Trolls“, werden wir augenzwinkernd darauf aufmerksam gemacht, dass unsere „Trolle“ heute „Konsum“ und „berieseln lassen“ heißen und vielleicht sogar auch „Uniformität“.

Foto: Hans Jörg Michel

Sir Peter Maxwell Davies Oper, eigentlich für großes Orchester komponiert, wurde für die Opera Stabile für ein kleines Orchester mit nur neun Musikern aus dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg arrangiert, das souverän und mit sichtlicher Freude von Luiz de Godoy geleitet wurde.
Die größte Herausforderung bei diesem Arrangement hat Schlagzeuger Matthias Hupfeld zu bewältigen, ist doch das Schlagwerk, das er zu bedienen hat, vielfältig und zahlreich. Darum gebührt ihm höchster Respekt. Aber auch seine Kollegen, hier besonders Pjotr Pujanek an der ersten Violine, hauchen Davies‘ mystisch-lautmalerischen Klängen Fantasie beflügelndes Leben ein.

Vor Leben, Freude am Spiel und Energie sprühen auch sämtliche Darsteller auf der Bühne. Die zwölf Kinder des piccola-Chors genießen es sichtlich, die Darsteller und auch das Publikum immer wieder durch geisterhaftes Lachen zu erschrecken oder bedrohlich anzuschauen und zu drohen: „Bald seid ihr in unserer Macht!“ Auch die Tänze und den Gesang meisterten sie professionell und mit Feuereifer.
Der König der Trolle wird von Kindersolist Mathis Simon würdevoll und stimmlich sicher dargestellt. Als seine Königin brilliert Na’ama Shulman, deren Koloraturen spielend leicht aus ihr heraus sprudeln, während sie wie eine charmante, aber doch „trollisch-verschlagene“ Diva über Volk und Menschen herrscht.

Foto: Hans Jörg Michel

Bereits ab der ersten Szene amüsieren Sungho Kim und Nicholas Mogg, als die Titel gebenden Fiedler Tom und Gavin. Herrlich, wie sie sich gegenseitig auf die Arme springen, wenn sie sich erschrecken. Oder wie Mogg unerwartet vor einer Zuschauerin kniet, Kim hin und her gerissen ist zwischen Angst und Neugier während seines Besuchs bei den Trollen.
Überhaupt haben beide viel authentisch kindliches in ihrem Spiel. Nichts wirkt aufgesetzt, alles passt. Und auch sie zeigen große Stimmkraft und gute Stimmführung.
Alle drei erwachsenen Sänger sind Mitglieder des Internationalen Opernstudios und alle drei werden sicherlich auch auf der großen Bühne bald nicht mehr nur in kleinen Partien zu sehen und zu hören sein.

Alle Zuschauer feierten sämtliche Beteiligten mit Klatschen, Trampeln, lautem Jubel. Und schon während der Vorstellung ließen viele Erwachsene ihrem inneren Kind viel Raum und lachten ungeniert.
Kurz: Auch „Die beiden Fiedler“, ist eine Opera stabile Produktion, die zu sehen sich lohnt. Und so unter uns, haben Sie kein Kind oder Enkelkind, das Sie begleiten könnte, gehen Sie einfach, wie ich, allein. 14 Chancen gibt es noch!
Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 08.02.2020

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