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Verdis Falstaff an der Staatsoper Hamburg

Premiere an der Staatsoper Hamburg: Falstaff, Giuseppe Verdis dritte musikalische Auseinandersetzung mit einem Stoff von William Shakespeare und seine letzte Oper begeisterte das Publikum durch die hervorragenden Leistungen von Darstellern und Musikern, konnte es sich für die szenische Umsetzung auch nicht wirklich erwärmen.

Nach den beiden Shakespeare Dramen Macbeth (1847, neu 1865) und Otello (1887) wählte Verdi für sein Spätwerk die Komödie Die lustigen Weiber von Windsor als Vorlage. Sein Librettist Arrigo Boito verarbeitete daneben auch Szenen aus dem ersten und zweiten Teil von Shakespeares Henry IV.
Die Oper feierte am 9. Februar 1893 im Teatro alla Scala ihre umjubelte Uraufführung und erzählt in durchkomponierter Form die Geschichte von Sir John Falstaff, der das Leben in vollen Zügen zu genießen weiß. Gerne auch auf Kosten anderer. Sein Schmarotzertum macht ihn nicht gerade beliebt bei den Bürgern des Städtchens Windsor.
Dass er sich einer gewissen Doppelmoral bedient und zwei Damen, von denen er sich amouröse wie finanzielle Freuden verspricht, Briefe schreibt, die sich allein in der Anrede unterscheiden, weckt den Rachedurst der Damen und der Herren. Unterführung von Alice Ford schmieden die einen, unter Leitung ihres eifersüchtigen Gatten die anderen Rachepläne. Wobei die Fords auch eigene Pläne verfolgen. Er will das Töchterchen Nannetta mit Dr. Cajus verloben, sie hingegen unterstützt Nannetta dabei mir ihrem Fenton glücklich werden zu können.
Falsche Versprechungen, Verlockungen Verwirrungen, und Verkleidungen sind da natürlich Programm, ebenso wie das Happy End für die jungen Liebenden. Und dennoch, ist es nicht so, dass die Bürger über Lord John Falstaff triumphieren. Denn so sagt es der Schlusschor: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“

Foto: Monika Ritterhaus ( Maestri , Kluge, Sacher, Martirossian )

Anja Rabes, verantwortlich für die Kostüme, setzt auf bunt, schrill und zeitgemäß. Besonders im dritten Akt, wenn die Streiche ihren Höhepunkt finden und Nannetta als Feenkönigin auftritt, samt Gefolge, zeigt Rabes viel Fantasie.
Bühnenbildnerin Susanne Gschwenders authentisch wirkendes Gasthaus sorgt für eine malerische Atmosphäre. Seine Fassade, die Gaststube und auch das Schlafzimmer im ersten Stock sind Ange-l und im wahrsten Sinne des Wortes Drehpunkt der Handlung. Hier wird geschlemmt, maßlos getrunken, intrigiert und sonst so einiges getrieben. Warum die Abflüsse des WC-Häuschens zu Beginn des dritten Aktes zum Saal zeigen und warum es überhaupt als Szenario nötig ist, bleibt die Frage. Falstaff mokiert sich hier über die Schlechtheit der Menschen und Nannetta macht einen Schwangerschaftstest. Der augenscheinlich positiv ausfällt.

Regisseur Calixto Bieto bewies zwar durchaus, dass er zu jenen gehört, die den Figuren auf der Bühne echte Persönlichkeit geben können. Zeigte aber daneben, dass er nicht zu Unrecht bekannt ist, für Inszenierungen in denen es oft „deftiger“ zugeht, sei es durch mehr als angedeutete brutale oder eben durch sexuelle Szenen.

Foto:Monika Ritterhaus (Aldrian,  Kovalevska, Karyazina, Kajtazi)

Es passiert viel in dieser Produktion, sie brodelt beinahe über vor „Action“, sodass dem Publikum auf der einen Seite viel entgeht, das zum besseren Verständnis betragen würde. Andererseits kann leicht der Eindruck entstehen, dass kaum etwas anderes passiert, als dass Champagner getrunken oder verspritzt, Essen verschlungen, lüstern genossen oder verschmiert wird. Weil die Darstellung exzessiver Lebensfreude das Augenfälligste ist. Bieito ließ verlauten, dass er eine „Show über das Essen und das Trinken“ machen wollte. So wie Wagners Parsifal der „Botschafter des Todes“ ist, so Bieito, ist Verdis Falstaff „Botschafter des Lebens„. Der Regisseur hat seine selbst gestellte Aufgabe voll und ganz erfüllt. Nur in der Finalszene, wenn Streiche und Rache sich ihrem Höhepunkt nähern, an Biss verloren. Zugegebenermaßen konnte er das Publikum im ersten Teil zeitweise amüsieren, doch für Akzeptanz oder gar Begeisterung reichte es am Premierenabend nicht.
Musikalisch verwöhnt und verführt Verdi auch hier im Falstaff durch intelligent instrumentierte schöne Melodien, durch Arien und Duette. Wenngleich er neue Wege beschreitet, was die Form betrifft. Daneben gibt es keinen „Gassenhauer“ à la „La Donna è mobile …“, „Brindisi …“ oder der Stretta aus „Il Trovatore“.
Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Axel Kober sorgte dafür, dass dieser ungewöhnliche Verdi voll und ganz, wenn auch anders als gewohnt, in den Bann zog.
Dem weiblichen Teil des Chors der Hamburgischen Staatsoper fiel hauptsächlich die Aufgabe zu, Falstaff als Feenvolk in Angst zu versetzen, und auch die Herren hatten erst hier ihren wahren Einsatz, ein weiterer Unterschied zu früheren Verdi Opern. Spiel – und Sangesfreude waren trotzdem immens.

In den unterstützenden Rollen amüsierten und überzeugten KS Jürgen Sacher als trinkfester; heiratswilliger Dr. Cajus, Tigran Martirossian, anfangs ganz in Pink und mit Marylin-T-Shirt bekleideter Diener Pistola und Rollendebütant Daniel Kluge als Falstaffs zweiter Diener Bardolfo. Alle drei gaben stimmlich wie darstellerisch ihr Bestes.

Foto: Monika Ritterhaus ( Kajtazi, Palchykov, Sacher, Brück, Kluge)

Auch die beiden Mezzosopranistinnen Ida Aldrian als Meg Page und Nadezhda Karyazina als Mrs. Quickly gaben ihre Rollendebüts und brillierten.
Aldrians Meg ist eine der kleinen, intensiven Gesten, wenn sie zum Beispiel sinnlich einen Fleischklops (?) verspeist. Sie ist die am zurückhaltendstende der vier Damen, was die Partie betrifft, doch steht sie keinesfalls im Schatten der anderen, was ihre gesanglichen Leistungen betrifft. Ihr Mezzo hat Wiedererkennungswert, besticht durch gekonnt eingesetzte sanfte Klarheit und Kraft.
Karyazinas Mrs. Quickly hingegen ist quirlig und selbstsicher, man glaubt ihr sofort, dass der Vivian Westwood Spruch auf ihrem Hemd ihr Wahlspruch: „Be reasonable demand the impossible!“ Ja, diese Mr. Quickly ist sicher so vernünftig das Unmögliche zu verlangen! Auch verfügt Krayazina über ein besonderes, dunkel gefärbtes Stimmtimbre und ein bemerkenswertes Volumen. Beide Damen zeigten ihre Wandlungsfähigkeit in Spiel und Gesang.

Oleksiy Palchykov und Elbenita Kajtazi, die zum ersten Mal als Liebespaar Fenton/Nannetta zu sehen waren, gestalten ihre Partien mit viel Charme. Wie Kajtazis Nannetta ihren Fenton umgarnt und endlich verführt, zeigt endgültig, welches Geschlecht in Windsor die metaphorischen Hosen anhat. Einfach herrlich wie sie sanft oder auch mit eindeutigen Gesten bedrängt und wie Palchykov sich zuerst windet, ja entsetzt schaut, um dann ihren Reizen doch zu erliegen. Immer wieder ist er regelrecht dazu verdammt nur in Boxershorts schamhaft über die Bühne zu huschen, dabei beweist Palchykov wirklich komödiantisches Talent. Kajtazi ist von Anfang an eine entzückend freche Nannetta. Sie entfacht als Feenkönigin, dann auch stimmlich einen fast überirdisch zarten Zauber mit ihrem Lied „Ninfe! Elfi! Silfi“. Und auch Palchykov weiß nicht nur in Fentons Arie „Dal labbro il canto“ mit feinem lyrischen Tenor zu gefallen. Schon im ersten Akt bei „Pst, pst, Nannetta – Mizzi, Sala, Muti“ berühren beide durch klangliche Harmonie.

Foto: Monika Ritterhaus (Maestri, Brück)

KS Markus Brück als Ford lieferte so manches darstellerische Kabinettstückchen. Zum Beispiel wenn er, wie ein russischer Oligarch, samt Pelz bestückten Mantel, Fellkappe und Sonnenbrille Falstaff gegenübertritt oder auch wenn er sich erfolglos bemüht, seiner Frau zu zeigen, dass er der Herr im Haus ist. Die Ausdruckskraft seines Baritons zeigte er mit Verve und Leidenschaft in der großen Szene des Fords „E‘ un sogno“ .
Maija Kovalevska, ist es, die Alice Ford Überlegenheit, Exaltiertheit und herben, selbstsicheren Charme verleiht. Und eine große Stimme, mit der sie die Aufmerksamkeit des Publikums mühelos auf sich zieht. Ihr dramatischer Sopran ist wie gemacht für die Verdi Heroinen und Rollen wie Tschaikowskys Tatjana oder Mozarts Gräfin Almaviva.

Ambrogio Maestri stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass er zu Recht als „der“ Falstaff gilt. Mit sichtlicher Freude schlürft sein Falstaff schon vor Erklingen des ersten Tons Austern. Später tätschelt er liebevoll seine Wampe, stets von seiner erotischen Wirkung auf Frauen überzeugt. Wenn er sich im zweiten Akt versteckt und stoisch das Wasser, das ihm über den Kopf gegossen wird, erträgt, bleibt kein Auge trocken. Auch wie er mit seinen Bariton modelliert regelrecht mit seinen stimmlichen Möglichkeiten spielt, zeugt von großem Können und von Spaß an dieser Partie. Die Spannung, ihn im März in einer völlig gegensätzlichen Rolle zu sehen, nämlich als Scarpia in Giacomo Puccinis Tosca, wächst.

Der Jubel für ihn und die anderen war groß, jedes Bravo, jeder Juchzer, jeder Klatscher mehr als verdient.
Mag die Inszenierung auch, vielleicht sogar gewollt, nicht jederfrau und jedermanns Geschmack treffen, so waren es doch auch die kompakt aus kaum unterschiedlichen Richtungen kommenden „Buh“-Rufe, die daran hinderten der Freude an den tollen gesanglichen Leistungen Ausdruck zu verleihen und diese Freude ein wenig dämpften. Dennoch, es war ein nicht perfekter, aber schöner Abend.

Birgit Kleinfeld (Vorstellungsbesuch 19.01.2020)

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