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La Bohème – Immer wieder anders schön

Sicher kennen nicht wenige Opernbegeisterte einen ähnlichen Wortwechsel: „Das hast du doch schon gesehen, oder?“ Skepsis schleicht sich in die Stimme des Fragenden, blaue Augen drehen sich himmelwärts. Meine Augen. Doch tapfer schlucke ich einen Seufzer hinunter. „Ja“, antworte ich mit Engelsgeduld. „Heute gibt es die erste von vier Vorstellungen von Giacomo Puccinis Oper La Bohème hier an der Staatsoper Hamburg. Und ist es auch dieselbe Oper, so wird das Empfinden, das Erleben doch immer wieder anders .“ „Wenn du meinst …“

Heute war mein, sich irgendwo im unteren dreistelligen Bereich befindlicher Besuch des Werkes um Leidenschaft, Freundschaft und verschiedene Künste. Auch die, sich den Widrigkeiten des Lebens zu stellen. Sei es der zu erwartende Tod der Gleiten oder auch die ständige Plage „Eifersucht“.
Schon in meinem Artikel vom 8.12. 2019 http://operngestalten.de/2019/12/08/verfuehrung-durch-unsterbliche-musik, gab ich der Begeisterung für Puccinis „emotionsmalerische“ Klänge, der romantischen, aber doch dem Verismo nahen Geschichte um vier Freunde, viel Raum.
Die Inszenierung von Guy Joosten und seinem Team sorgen für zeitlosen Realitätsbezug. Durch Bühnenbild (Johannes Leiacker) und Kostüme (Jorge Jara) im Allgemeinen und die Veränderung des Wohnhauses, in dessen Inneres man blickt im Besonderen. Im ersten Bild sehen wir Wohnungen, die zu ihren Bewohnern passen. Im letzten Akt deutet alles auf Abriss und Auszug hin. Puccinis Melodien hingegen stehen für die Art Romantik, die von Melancholie und Tristesse geprägt ist und nicht leiden, sondern träumen lässt.

Foto: Hans-Jörg Michel

Auch diese Vorstellung erfüllte wieder viele Erwartungen, aber doch nicht alle. Der Effekt, dem Hier und Jetzt mit den ersten Akkorden zu entfliehen, blieb aus. Pier Giorgio Morandi und damit auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg benötigten das gesamte erste und einen Teil des zweiten Bildes, bis der Zauber Puccini sich stimmig entfalten konnte. Anfangs fehlte es an klaren Akzenten, hörbaren Linien und auch der Zusammenarbeit zwischen Bühne und Graben. Stellenweise fehlte es an Homogenität was Lautstärke und Tempi betrifft. Spätestens als sich der Vorhang zum dritten Bild hob, waren alle Mängel vergessen. Die Rührung und die Tränen, die sich sonst stets spätestens beim „Todesakkord“ einstellen, blieben jedoch aus. Sodass ein winziger Splitter fehlte um den Abend als „perfekt“ zu empfinden.

Die Künstler erfüllten die Bühne allesamt mit authentischer Spiel- und Sangesfreude. Von Marcellos ersten Worten: „Questo mar rosso“ bis zu Rodolfos verzweifelten Ausbruch: „Mimi, Mimi“.
Von den Alsterspatzen und dem Chor der Hamburgischen Staatsoper, über die Tänzer und Kleindarsteller bei Momus und im dritten Bild, bis hin zu Martin Summer als trotteliger Benoît und Hubert Kowalczyk als Musettas „Sugar Daddy“ Alcindoro.

Foto: Hans-Jörg Michel

Der junge, südkoreanische Bass Shin Yeo, der erst am 28.11.2019 als Schaunard debütierte, ist inzwischen völlig in die Rolle des Musikers, der jeden Erfolg mit den Freunden teilt, hinein gewachsen.
Alexander Roslavets Colline besticht durch seine zurückhaltende Darstellung, sichere Stimmführung und ein elegant wohl tönendes Timbre.
Als Musetta begeisterte erneut Mariam Battistelli. Sie amüsiert und sprüht vor Lebensfreude, wenn sie ihren Verehrer Alcindoro neckt oder mit Marcello zankt. Aber auch Herzenswärme und Mitgefühl gehören zu dem, was Battiselli auch durch ihren kristallklaren Sopran ausdrückt. Mühelos bei den Koloraturen, bezaubernd in allen anderen Tonlagen.

Alexey Bogdanchikov, der Marcello an ihrer Seite, stand ihr in Spielfreude nichts nach. Er überzeugte in seiner Eifersucht, wie auch einem Verständnis Mimi und Rodolfo gegenüber, brachte zum Schmunzeln, als er, mit den Freunden scherzend, die Stimme einer Frau imitierte.
Gesanglich berührte er besonders im Duett mit Rodolfo „O Mimi tu più non torni.“

Mit Stephen Costello als Rodolfo gastiert ein weltweit gefragter Tenor, der die an hingestellten Erwartungen größtenteils voll und ganz erfüllte. Sein junger Dichter wirkt introvertierter und erwachsener als die Freunde Seine Stimme besitzt diesen besonderen Schmelz, der zu Herzen geht. Sein „Che gelida manina …“ ging unter die Haut und doch, schien er bei den hohen Tönen im Finale des ersten Aktes angestrengt. Doch seine sonstige Leistung ließ auch dies schnell vergessen.
Celine Byrnes Mimi wirkt mädchenhaft, kokett und sich ihrer selbst sicher, wenn sie das erste Mal auf Rodolfo trifft. Sie liebt ihn vom ersten Moment an, wirkt bis zum letzten Atemzug zart und stark zugleich. Jede Geste, jeder mimische, wie stimmliche Ausdruck schien tief aus ihrem Inneren zu kommen. Ihr „Mi chiamano Mimi …“ bewegte durch genau das richtige Maß an Innigkeit und Verträumtheit.

Foto: Hans-Jörg Michel

Die Begeisterung am Ende der Vorstellung für alle sechs Protagonisten war groß, der Applaus jubelnd und anhaltend. Und würde mich jemand fragen, ob dies nun „endlich“ mein letzter Besuch dieser Oper war, würde ich antworten: „Nein, ganz sicher nicht!“
Stellt man mir dann die Frage: „Also, sollte ich auch einmal hingehen?“
Die Antwort kann nicht anders lauten als: „Ja, unbedingt!“
Birgit Kleinfeld, Vorstellungbesuch 04.01.2020

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