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„Hänsel & Gretel“ – 48 Jahre alt und „knusperfrisch“!

Die Weihnachtsmärkte rund um Gänsemarkt und Alster warten noch auf den Startschuss, da reitet die Knusperhexe schon kichernd auf ihrem Besen über die Bühne der Staatsoper Hamburg.

Gut, die 48 Jahre, die Peter Beauvais Inszenierung von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel „auf dem Buckel hat“, ist augenfällig sobald sich der Vorhang hebt und den Blick auf die Bühnenbilder von Jan Schlubach freigibt. Die Hütte von Besenbinder Peter steht mitten im Wald und ist eingerichtet wie wir es aus dem Grimm‘schen Märchen kennen: Bettnische hinter der Küche für die Eltern, Schlaflager für die Kinder auf dem Dachboden. In der Küche und auf dem Hof Utensilien, die man bei einem Leben im Wald so braucht. Auch die Kostüme von Barbara Bilabel / Susanne Raschig sind traditionell gehalten. Damals war „Regietheater“ halt noch ein Fremdwort. Es galt zu unterhalten und in andere Welten zu entführen, nicht daneben noch auf Missstände aufmerksam zu machen.

Doch die üppig traditionelle Ausstattung, die bei anderen Werken vielleicht etwas befremdlich wirken würde, bietet hier einfach die Möglichkeit, sich wieder jung zu fühlen. Sich zurückzuversetzen in jene Zeit, als man diese Oper zum ersten Mal sah, vielleicht sogar, wie ich, in genau dieser Inszenierung. Sie haben immer noch etwas Geheimnisvolles, die blau blinkenden Lichter, dargestellt von Tänzer/innen oder die Nebelfrauen. Reizend anzusehen und anzuhören auch Kady Evanyshyn als keck tröstendes Sandmännchen und Narea Son als Taumännchen wie immer, mit klaren Höhen brillierend. Die 14 Engel aus dem Abendsegen dann erinnern an ein kirchliches Gemälde, wie sie die Kinderdoubel umstehen. Unzeitgemäß und doch zu tröstend. So vorweihnachtlich.

 Auch ist es einfach herrlich, wenn die Knusperhexe aus dem hübschen Häuschen lugt und sich dabei die Lippen unter der unvermeidlichen Hakennase leckt oder auf einem Besen durch die Lüfte reitet und wie wunderschön kitschig Rot, mit Betonung auf “wunderschön“, leuchtet und dampft doch der Ofen, wenn die Hexe darinnen zum Lebkuchen wird, während die Lebkuchen, die den Gartenzaun bildeten, zu lebendigen Kinder (Hamburger Alsterspatzen) wurden.

Foto: Hans Jörg Michel/ Jana Kurocová, Elsa Benoit

Aber auch der Musikliebhaber kommt in dieser Oper vom ersten bis zum letzten Ton auf seine Kosten. Die Ouvertüre beginnt mit den Klängen des Abendsegens/Gebets`. Sie bereitet uns dann klanglich vor auf das, was im Stück passieren wird und endet, wie auch die Oper, widerum mit Klängen aus dem Gebet/Abendsegen. Dann sind da noch die Kleinigkeiten, die die Oper durchziehen, wie die Kinderlieder „Suse, liebe Suse“ oder „Brüderchen, komm tanz mit mir.“ Kurz, die Oper bietet musikalische Dramatik und auch Humorvolles. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, besonders die viel beanspruchten Holz- und Blechbläser, gaben wirklich ihr Bestes, um Genuss und vielleicht sogar etwas Gänsehaut zu erzeugen. Dirigent Volker Krafft jedoch schien an diesem Abend zu sehr auf seine Musiker fixiert, übertrieb es besonders im letzten Akt doch ein wenig arg mit der Lautstärke. Dennoch gelang es allen Sängern, sich durchzusetzen und auf ganzer Linie zu überzeugen.

Katja Pieweck, stets verlässliche, gerngehörte Darstellerin vieler unterstützender Partien, war eine stimmgewaltige Gertrud, der man die überforderte Mutter anmerkt, der aber die Boshaftigkeit, der Grimm’schen Mutter fehlt.

Jochen Schmeckenbecher, der in dieser Spielzeit bereits als verschlagener Alberich (Siegfried, Wagner) und unsympathischer Don Pizzaro (Fidelio, Beethoven) begeisterte, zeigte als Peter mit gewohnt warm und voll Klingeden Bariton auch seine humoristische Seite. Freude und weintrunken taumelt er über die Bühne und gibt sein „Rallalala Rallalala“ zum Besten. Ist aber dann ebenso der besorgte oder auch erleichterte Vater. Alles mit einer stimmlichen Sicherheit, die nach weiteren größten Partien verlangt.

Foto: Hans Jörg Michel , Jürgen Schmeckenbecher, Katja Pieweck

Elsa Benoit überzeugte als Gretel mit ihrem wandlungsfähigen Sopran, der beim „Gänse- und beim Tanzlied“ kindisch neckisch, beim Abendsegen reif und lieblich klang. Auch mit ihrem Spiel zieht sie in ihren Bann, ist die nervige große Schwester, das Mädchen, das Waldkönigin spielt, das Püppchen unter dem Bann der Hexe. Sie kam dieses Mal als Einspringerin an die Staatsoper Hamburg. Es bleibt zu hoffen, dass sie noch oft zurückkehrt.

Nadezhda Karyazina, festes und gern gehörtes Ensemblemitglied gibt ihrem Hänsel ganz und gar die Ausstrahlung eines „Lausbuben“ und verleitet, besonders im 1. Akt, immer wieder zum Schmunzeln. Doch auch die anderen Fazetten, die so ein Junge nun einmal hat, liegen ihr: der vermeidliche, starke Beschützer der Schwester, der um die Schwester bangende Bruder im Käfig. Wie so oft fasziniert die Kraft ihre Mezzos und die Ausdruckskraft, die Karyazina ihrem Instrument mühelos verleiht.

Doch, wie es oft auch im wahren Leben ist, war es auch hier der Bösewicht oder politisch korrekt die „Bösewichtin“, die das Publikum am meisten begeisterte. Einen Tag zuvor stand Renate Spingler noch als elegante Geneviève in Debussys „Pélleas et Melisande“ auf der Bühne. Nun kicherte, hüpfte und krähte sie mit sichtlichem Vergnügen durch die Szene, lies Hänsel und Gretel an unsichtbaren Fäden tanzen. Wird die Hexe von einem Tenor gesungen, hat der es sicher leichter, auch stimmlich skurill zu wirken. Spingler hingegen konnte die Schönheit ihres Mezzos auch hier nicht wirklich verbergen. Aber gerade das machte den Charme ihrer Rosina Leckermaul, wie die Hexe sich selbst nennt, aus.

Alles in allem, wirklich ein Abend, der dazu angetan war, die kindliche Vorfreude auf die Weihnachtszeit oder auch nur die Freude über schön dargestellte und gesungene Märchen, wachzukitzeln. Der Applaus für alle, auch für die Hexe, die Hänsel und Gretel quicklebendig aus dem Ofen zogen, war dementsprechend jubelnd.

Foto: Hans Jörg Michel , Solisten und Alsterspatzen

Birgit Kleinfeld, Vorstellungsbesuch 24.11. 2019, abends

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